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Елена Шольц – Jahr für Jahr. Ein Krieg - unterschiedliche Schicksale (страница 9)

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„Na, na, na, schöne Worte. Kannst du auch sagen: Alter, hast du was zu kauen?“, stellte Jegor die wichtigste Frage.

„Wisst ihr, Freunde, wenn dieser ganze Schlamassel vorbei ist, werde ich nach Hause kommen und meine Ljubascha ohne diese verzwickten Worte lieben. Auf unsere russische Art“, sagte Nikolaj leise.

Er war der einzige in der Runde, der eine Freundin hatte. Er schrieb ihr jeden Tag lange Briefe. Zuerst wurde er von seinen Kameraden gehänselt, aber als ihr Neid nachließ, begannen sie, ihm Ratschläge zu geben. Es gab sogar einen regelrechten Wettbewerb unter den Kameraden: Jeder versuchte, die neuesten Ereignisse in der Armee so anschaulich und farbig wie möglich zu beschreiben. So wurde Ljubascha zum „Mädchen des Trupps“.

„Und was ist das für eine „russische Art“?“, fragte Jegor ernst und ohne jeden Unterton.

„Ganz einfach, mein Freund. Ich werde Wasser aus dem Brunnen holen und Kartoffeln pflanzen“.

„Was haben Brunnen und Kartoffeln mit Liebe zu tun?“

„Muss ich dir alles erklären?“, wiederholte Nikolaj mit kecker Stimme die Frage, die ihm Jegor vom Kurzen so frech gestellt hatte. „Das Wasser aus dem Brunnen zu holen und im Garten zu buddeln ist harte Arbeit, mein Freund. Ich werde all diese Schufterei selbst übernehmen. Ich werde meine Ljubuscha vor all der harten Arbeit bewahren, damit ihre Schönheit niemals verblasst.“

„Na ja. Wisst ihr was? Schluss mit Brunnen und Kartoffeln. Ich habe einen Bärenhunger und Durst wie eine Bergziege“, sagte Slawa. Plötzlich wurde er hellhörig: „Diese Lumpen! Ich glaube, die kommen auf uns zu!“

Das Gespräch verstummte. Auch der Wald wurde still: Der Specht ritzte nicht mehr in der alten Fichte, das Eichhörnchen schälte keine Zapfen und die Vögel stellten ihren Morgenappell ein. Die Waldbewohner lauschten ebenso wie die Menschen dem Dröhnen der Motoren. Bald war allen klar: Die feindlichen Flugzeuge kamen auf sie zu.

„In Deckung!“, brüllte Onkel Semjon.

Alle kletterten unter der Baumstammwalze hindurch, nur Nikolaj wippte auf den Füßen und blickte zögernd zur Brüstung.

„Verdammt, Freunde! Unser Tau, unser Tau“, wiederholte er immer wieder die gleichen Worte.

Die Bomber waren schon ganz nah. Sie rumpelten blutrünstig und bereiteten sich darauf vor, ihre Bäuche über dem Ziel zu entleeren.

„Kolja, bist du lebensmüde?“

Dmitrij kroch aus dem Versteck und zerrte mit aller Kraft an der Hose seines Kameraden. Nikolaj fiel auf die Knie, doch der Durst war stärker als die Angst. Mit den Worten „Ich bin gleich wieder da, mein Freund“ riss er sich los, sprang flink die Stufe hinauf und griff nach seinem Helm. Sein rotes Haar leuchtete im Sonnenlicht.

„Runter! Kol-ja!“, rief Dmitrij.

„Ja-ja-ja-ja!“, hallte es durch den Wald.

Nikolaj fiel auf Dmitrij. Eine junge Eiche fiel quer darüber. Und alle zusammen wurden mit Erde bedeckt.

Als es vorbei war, kroch Dmitrij unter dem zusammengesunkenen Körper hervor und wischte sich den Sand aus den Augen.

„Kolja, was ist los? Ko-o-lja?“

Er schüttelte seinen Kameraden und sah plötzlich, wie aus seiner linken Schläfe ein schwarzer Stachel hervorragte. Ein dünnes Rinnsal Blut rann unter ihm hervor, vermischte sich mit dem Staub und überzog seine fröhlichen Sommersprossen mit einer rostigen Patina.

Hastig zog Dmitrij seinen Helm vom Kopf und versuchte, Nikolajs zerzaustes Haar zu bedecken, aber der Splitter stand ihm im Weg.

Die Flugzeuge warfen den Tod ab und flogen davon. Doch Dmitrij saß noch lange neben seinem Kameraden und starrte auf einen Punkt. Seltsame Gedanken überfielen ihn. Sie schlichen sich wie Eindringlinge in seinen Kopf, und er hatte keine Kraft, sie zu vertreiben. Immer wieder sagte er zu sich selbst: „Warum habe ich nur so wenig Tabak gehabt? Nur für eine einzige Kippe.“

Englischer Spion

Der Wald hatte sich längst von seinem Schrecken erholt und war erfüllt von vertrauten Geräuschen. Sie bohrten sich mit ihrer Alltäglichkeit ins Gehirn. Die drei Kameraden saßen mit gesenkten Köpfen neben einem frisch aufgeschütteten Hügel.

Onkel Semjon fürchtete weitere Angriffe und befahl, Nikolaj in seinem eigenen Graben auf der linken Flanke zu beerdigen. Er hatte eine noch schwierigere Aufgabe: eine Nachricht an seine Angehörigen zu schreiben. Als der Kommandant Nikolajs Taschen durchsuchte, fand er nur ein paar letzte Briefe an Ljubascha. Außer ihr hatte Nikolaj niemanden mehr.

„Ja, eben…. Die Reihen lichten sich“. Jegor fuhr sich mit der Hand durch sein verschwitztes Haar, seufzte und fuhr fort: „Wir haben nichts, um Koljas Fell zu versaufen. Keinen Schluck Wasser. Äh, meine Freunde….“

Als er Nikolajs Lieblingswort hörte, erschauderte Dmitrij, warf einen verständnislosen Blick auf Jegor, blinzelte und starrte wieder auf den grauen Hügel. Rote Kiefernnadeln ragten unter dem Helm hervor, der auf dem Kopfende lag.

„Na ja, du“, Slawa berührte Jegors Arm.

„Leute“, korrigierte sich Jegor und warf Dmitrij einen verlegenen Blick zu.

Das Gespräch ging offensichtlich nicht gut voran, und das belastete den redseligen Jegor. Er wollte seine traurigen Kameraden unbedingt aufmuntern. Ohne lange zu überlegen, begann er zu witzeln: „Hör mal, Slawa, du bist doch ein Wasserwagen. Mach deinem guten Namen alle Ehre und bring uns etwas Wasser, ja?“

Der Nachname „Wasserwagen“ fiel Jegor gleich zu Beginn seiner Dienstzeit auf. Er sang sofort die erste Strophe des Liedes aus dem beliebten Film Wolga-Wolga: „Eine schöne Frage: Warum bin ich Wasserwagen? Denn ohne Wasser, mein lieber Herr, verdurst du hin und fällst du her.“

Slawa fühlte sich durch einen solchen Anfang sichtlich geschmeichelt. Er grunzte und murmelte: „Na ja…“.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte der naive Riese noch nicht, über welch unerschöpflichen Vorrat an kreativer Energie sein neuer Kamerad verfügte.

Von seinem ersten Erfolg beflügelt, begann Jegor, den klangvollen Namen in alle möglichen Richtungen zu verbiegen und verschiedene Reime darauf zu erfinden. Der erste Vergleich, „Wasserwage – Kläranlage“, war noch harmlos. Es ging weiter über den persönlichen „Dampf im Magen“ bis hin zum intimen „Verliebt bis zum Kragen“.

Doch so sehr er sich auch bemühte, Slawa winkte nur gutmütig ab: „Na, du bist ja ein Witzbold“.

Jetzt war ihm nicht mehr zum Lachen zumute, und er sagte widerwillig: „Nun, wo soll ich dir Wasser herholen?“

„Wring einfach deine Fußwickel aus“, lachte Jegor.

„Du bist ein Schwätzer.“ Slawa schüttelte vorwurfsvoll den Kopf, reckte dann plötzlich den Hals und spähte aufmerksam in den grauen Nebel. „Na ja, das scheint ein Pferd zu sein.“

„Ein Pferd? Was für ein Pferd?“ Jegor drehte sich um, stellte sich auf die Zehenspitzen, sah aber nichts hinter den aufragenden Wurzeln und grinste ungläubig: „Diese Hitze hat dich eben ganz verwirrt. Du siehst schon Gespenster.“

„Gespenster zupfen kein Gras“, sagte Slawa entschieden. Er zog seinen Klappspaten aus dem Boden und zeigte damit auf einen umgestürzten Baum: „Da. Siehst du? Da, zwischen den Kratern. Halte dich rechts. Hör mal, ist es vor unseren Leuten weggelaufen?“

Er bewegte den Kopf hin und her, Nacken und Schultern blieben ruhig wie bei einer orientalischen Tänzerin. Dann steckte er den Klappspaten in die Erde, bückte sich, stützte sich mit beiden Händen darauf und rief glücklich: „Das ist doch die Fee, von unserer Batterie!“

Dmitrij hob den Kopf, sah genau hin und erkannte eines der Zugpferde der Division.

Mit ihrer langen, aschfahlen Mähne rupfte die Fee geschickt einige Grashalme aus dem sandigen Boden. Ihr Unterkiefer klapperte mit den gelben Zähnen, und Falten zogen sich über den weißen Streifen auf ihrer Schnauze.

„Guck mal, sie hat sich so geschickt getarnt“, freute sich Jegor, als er endlich einen hellbraunen Körper hinter den verfilzten Tannenzweigen erkennen konnte. Dann blinzelte er misstrauisch: „Woher weißt du, dass es die Fee ist? Vielleicht ist es ein anderes Pferd?“

„Was für ein anderes Pferd?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht ist es von der Kolchose weggelaufen?“

Die Fee hörte das Gespräch, hob die Schnauze und blickte in ihre Richtung. In ihren glänzenden Augen spiegelte sich das Chaos des Waldes. Der Krieg, wie eine alte, hässliche Hexe, zeichnete seine Fratzen darin. Das Pferd schnaubte missmutig, stampfte von einem Fuß auf den anderen, zuckte mit den muskulösen Flanken und widmete sich wieder seiner Beschäftigung.

„Na ja. Das ist sie — unsere Fee.“

„Und du, kennst du alle unsere Pferde?“

„Na ja, nicht alle, aber Fee — sie hat schon etwas Besonderes. Nämlich ihre außergewöhnliche Fellfarbe. Sie selbst ist braun, aber ihre Mähne und ihr Schweif sind aschfahl, wie Nebel. Und auf ihrer Schnauze — ein weißer Streifen. Deshalb haben die Jungs sie so genannt — Fee, eine Zauberin. Dima, stimmt das?“

Dmitrij wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn, strich sich zufällig über die tränenfeuchten Wangen und nickte stumm.

„Von der Batterie also. Was ist da eben passiert? Heißt das, sie haben schon alle unsere Männer erledigt?“ Jegors Stimme senkte sich.

„Nun, komm, komm“, stieß Slawa mit seiner tiefen Stimme unsicher hervor und umarmte seinen Freund an den schmalen Schultern. „Sie hat den Lärm einfach nicht mehr ausgehalten und ist abgehauen. Du weißt ja, wie es da drüben rumpelt.“