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Елена Шольц – Jahr für Jahr. Ein Krieg - unterschiedliche Schicksale (страница 11)

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Seit Beginn der deutschen Besatzung war etwas mehr als ein Jahr vergangen. In dieser kurzen Zeit hatte ihr Vater fast alle Wertgegenstände gegen Lebensmittel eingetauscht: Gemälde unbekannter Künstler in vergoldeten Rahmen, jahrhundertealte Gobelins, einen antiken Salontisch auf krummen Beinen und einen Sekretär aus Mahagoni. Als nächstes kam der Goldschmuck der Mutter dran. Nur das Familienerbstück, ein blaues Porzellanservice aus der königlichen Manufaktur Royal Delft, wollten die Eltern um jeden Preis behalten. Sie wickelten es in Zeitungspapier und verstauten es auf dem Dachboden.

Fernab von Industriegebieten und Stadtzentrum litt ihr Viertel kaum unter deutschen Luftangriffen. Selbst die Fenster ihres Hauses blieben unversehrt. Doch der Friseursalon, der vor dem Krieg die ganze Familie ernährte, stand fast leer. Da der Vater nicht dem Feind dienen wollte, nahm er das Schild „Kapperszaak“ aus dem Rahmen über dem Eingang. Dadurch wurden keine neuen Kunden gewonnen. Und die alten Stammkunden, auch wenn sie den Salon wegen der alten Zeiten besuchten, sparten an Bärten und Frisuren. Sie tauschten die neuesten Nachrichten aus, tranken mehrere Tassen Kaffee hintereinander und machten nur Verluste.

Margrith ging die Treppe hinunter. Auf dem Weg durch den schmalen Flur stolperte sie über eine beschädigte Mosaikfliese und fluchte leise. Sie blieb kurz vor der hohen grünen Tür stehen, atmete tief durch und betrat das Esszimmer, das gleichzeitig als Wohnzimmer diente.

Dieser schmale, lange Raum, den Mutter „Salon“ nannte und mit entsprechendem Glanz ausstattete, lag auf der anderen Seite des Flurs, gegenüber dem Friseursalon. Vor dem Krieg war es ein regelmäßiger Treffpunkt für die ganze Nachbarschaft. Nach jedem Fest klopfte der geizige Vater zornig auf die Holzkugeln des Abakus. Als er den finanziellen Schaden bezifferte, murmelte er laut: „Wozu diese Verschwendung?“ Die Antwort der Mutter war immer die gleiche Moral: „Man muss die Kontakte ständig ölen, wie eine Fahrradkette“.

Von der einstigen Pracht waren nur noch ein Sofa und ein paar Sessel mit abgenutzten grünen Plüschsitzen übrig geblieben. Sie drückten sich wie Waisenkinder an die verblassten rosafarbenen Wände, auf denen weinrote Spuren von Gemälden zu sehen waren.

Die ganze Familie saß um den großen ovalen Tisch, der von einer alten Petroleumlampe erhellt wurde. Die beiden kleinen Schwestern hatten ihre Suppe längst ausgelöffelt und starrten in die Flammen. Sie fragten sich, ob Aladdin aus dem Glaskolben springen und die Teller wieder bis zum Rand füllen würde.

Auch der Vater hatte aufgegessen und setzte sich in seinen bequemen Schaukelstuhl, der am Fenster stand. Er nuckelte an seiner leeren Pfeife und beobachtete die Zeiger der Standuhr, um den abendlichen „De stem van strijdend Nederland“ nicht zu verpassen.

Nur Beatrice, die gerade achtzehn geworden war, kratzte mit würdevoller Miene eine Pfütze von ihrem Teller. Ihr älterer Bruder Hank schaute der „Lady“ zu, lächelte gutmütig und zupfte an seinem Bärtchen.

Die Mutter musterte Margrith mit tiefliegenden, verkniffenen Augen und fragte sich, was diese „Krawallbürste“ wohl wieder im Schilde führe. Schließlich fragte sie spitz: „Warum stehst du da wie angewurzelt? Oder hast du keinen Hunger?“

Margrith straffte die breiten Schultern, umrundete den Tisch mit selbstbewussten Schritten, ließ sich auf einen Stuhl fallen und lehnte sich trotzig in die hohe Rückenlehne zurück. „Ich bin dem Roten Kreuz beigetreten“, verkündete sie, schüttelte ihre dunklen Locken und begann zu essen.

Sie hatte sich lange darauf vorbereitet, diesen einfachen Satz zu sagen. Sie hatte alle Stimmlagen, alle Gesichtsausdrücke ausprobiert, aber verletzt durch den spöttischen Ton ihrer Mutter, stieß sie ihn ohne Umschweife aus.

Die Mutter errötete. Ihre Lippen schnappten nach Luft, aber sie brachte kein Wort heraus. Der Vater hörte auf zu schaukeln. Er nahm die Pfeife aus dem Mund, klopfte auf den silbernen Aschenbecher, drehte langsam sein langes, pergamenthäutiges Gesicht und starrte seine Tochter ratlos an.

„Welches Rote Kreuz? Margot, habe ich das richtig verstanden, du gehst zum Deutschen Roten Kreuz?“, fragte er leise, aber sehr deutlich mit Betonung auf dem Wort „deutsch“.

„Hmm“, murmelte sie und beugte sich über ihren Teller.

Eine Stille legte sich über den Raum. Sie umhüllte alle Sinne, lähmte die Nerven und machte das Atmen schwer. Margrith hielt es nicht mehr aus, und obwohl sie sich vornahm, sich nicht zu entschuldigen, rief sie: „Na und? Ich will Krankenschwester werden, ich will Menschen pflegen! Was ist daran schlecht?“

Die Mutter besann sich: „Menschen? Welche Menschen? Die Besatzer, die unser Land zerstört haben?“

Der Vater wandte sich dem Regal zwischen den Fenstern zu. Wie einen Fluch wiederholte er: „Deutsches Rotes Kreuz, Deutsches Rotes Kreuz“, und begann, am Knopf des Radiogeräts zu drehen. Die gute alte „Minerva“ spuckte zunächst wie gewohnt ein paar deutsche Silben aus, heulte auf verschiedenen Frequenzen und schaltete schließlich auf die Welle von Radio Oranje um.

„Hak de hoofden van de nazi's af!“, durchbrach eine sanfte Frauenstimme das letzte Keuchen.

„Hörst du, hörst du das? Unsere Königin ruft zum Widerstand auf“, mischte sich die Mutter wieder ein, „und du?“

„Wilhelmina? Ha!”, schnaubte Margrith verächtlich. „Und sie selbst? Warum ist sie selbst geflohen? Sie sitzt jetzt bestimmt gemütlich im Buckingham Palace und trinkt Tee mit König Georg. Wetten? Und was riskiert sie? Nichts! ‚Hackt den Nazis die Köpfe ab!‘ Sie soll doch herkommen und mir zeigen, wie das geht. Dann würde ich mich vielleicht ihrem Widerstand anschließen."

Margrith hatte das Allerheiligste angegriffen, sie hatte es gewagt, Wilhelmina, die allseits geliebte und verehrte Herrscherin der Niederlande, zu beleidigen. Ein solcher Frevel brachte die Mutter in Rage. Wie eine Furie stürzte sie sich auf ihre Tochter und versetzte ihr eine kräftige Ohrfeige.

„Ich hab' es satt, ich hab' es satt“, rief Margrith und rieb sich die Wange. Sie kniff ihre großen, dunkelgrauen Augen zusammen und fuhr voller Abscheu fort: „Und dieser Gestank! Der macht mich krank! Als würde hier Tag und Nacht ein Barbecue veranstaltet. Ich frage mich nur: Wo ist das Fleisch?“

Die Stadt, die massiv mit Bomben angegriffen worden war, brannte lange und heftig. Die Brände waren längst erloschen, doch der Geruch von Verbranntem verbreitete sich in allen Straßen, drang in jede Gasse ein und hing selbst in den entlegensten Winkeln in der Luft. Am meisten liebte er jedoch die Keller. Er hielt sich dort wie ein ungebetener Gast auf. Er hatte sich dort für immer niedergelassen, und keine Macht der Welt konnte ihn aus diesen Verstecken vertreiben.

Margrith sah abwechselnd ihre Geschwister und ihren älteren Bruder an. Sie suchte bei ihnen zumindest Verständnis, wenn nicht gar Unterstützung, aber sie wandten den Blick ab. Ihre Wange brannte, aber noch mehr brannte sie selbst vor Wut über diese allgemeine Verfremdung.

Sie warf den Löffel auf die Tischdecke, sprang auf und schrie ihrer Mutter ins Gesicht: „Ich habe genug von deinen Schlägen! Außerdem … Ich bin schon volljährig und kann meine eigenen Entscheidungen treffen“.

„Solange du an meinem Tisch sitzt und mein Brot isst, bestimme ich hier!“, schrie der sonst so friedfertige Vater und schlug mit der Faust auf die Kante des Regals.

„Minerva“ keuchte „Arbeite nicht für die Besatzer“, schwang sich auf die feindliche Welle und berichtete fröhlich von den letzten Erfolgen der deutschen Wehrmacht.

„Dein Brot, Vater, dein Brot? Wo siehst du Brot? Seit Monaten essen wir Brühe mit Kartoffelschalen. Das Haus ist leer. Fast alles ist bereits weg. Und was, wenn es nichts mehr zu tauschen gibt? Was machen wir dann? Alle Kunden sind verschwunden, niemand kümmert sich mehr um Frisuren. Und alle klugen Leute arbeiten längst für die Deutschen.“

„Dein Vater ist also ein Dummkopf?“, zischte die Mutter und presste ihre ohnehin schmalen Lippen zusammen.

Margrith war verblüfft. Sie hatte nicht vor, sich mit ihrem Vater zu streiten, geschweige denn, ihn einen Dummkopf zu nennen. Sie wollte auf keinen Fall mit ihrer Familie in Konflikt geraten. Obwohl sie die Haltung ihrer Eltern gegenüber den Besatzern im Voraus kannte, hoffte sie, sie von der Richtigkeit ihrer Entscheidung überzeugen zu können. Leider nahm das Gespräch einen ganz anderen Verlauf. Und wieder einmal dank ihrer Mutter mit ihrer seltsamen Denkweise und ihrer Fähigkeit, Dinge auf den Kopf zu stellen.

„Das habe ich nicht so gemeint“, murmelte Margrith und wandte sich ihrem älteren Bruder zu. „Hank, warum sagst du nichts? Du hast das deutsche Wirtschaftswunder doch in den höchsten Tönen gelobt! Wenn ich mich nicht irre, wolltest du sogar nach Deutschland gehen, um dort zu arbeiten. Nicht wahr?“

„Das ist schon lange her.“

„Na und? Was macht das für einen Unterschied?“

„Einen großen, Margot, einen sehr großen. Das war in Friedenszeiten, und jetzt sind die Deutschen Besatzer!“

„Und für sie zu arbeiten ist Verrat“, schloss Beatrice leise und sah Margrith an.