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Елена Шольц – Jahr für Jahr. Ein Krieg - unterschiedliche Schicksale (страница 12)

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„Trixie! Du auch?“

Margrith starrte ihre Schwester einige Sekunden lang fassungslos an. Dann kam sie wieder zu sich und sprach hastig und aufgeregt: „Wie kannst du nur? Wir haben doch…, und überhaupt…, Eindringlinge, Besatzung…. Wo waren denn unsere Verteidiger? Die Deutschen kamen in die Kaserne und klopften ihnen auf die Schulter: Steh auf, Soldat, wir haben euch besiegt. …alles verschlafen, alles!“

„Das stimmt nicht! Rotterdam hat sich gewehrt“, verteidigte Beatrice ihre Heimatstadt.

„Ja, ja! Ganze fünf Tage“. Margrith stürzte sich auf die Tür und rannte, die Tränen kaum zurückhaltend, aus dem Zimmer.

1942

Unternehmen Trappenjagd

Der Himmel war aufgeklart und strahlte blau. Umso schwärzer schien das Meer, auf dem noch der letzte Aprilsturm tobte. Die Wellen türmten sich auf, stürzten auf das Ufer zu, als wollten sie die Verwüstung, die dort herrschte, wegspülen. Doch sie brachen sich an den Kieselsteinen und zischten hilflos zurück.

Als er die einsame Lehmmauer erreicht hatte, setzte sich Franz auf eine Holzstufe. Er zog eine Mundharmonika aus der Tasche, setzte sie an die Lippen, blies, spielte aber nicht, sondern starrte stumm in die Ferne.

„Deshalb wird es schwarz genannt. Es ist nicht wie unsere Nordsee, so wolkengrau — kein Horizont in Sicht“, dachte er.

Franz erinnerte sich, wie er Elisabeth überredet hatte, die Flitterwochen am Meer zu verbringen. Er hatte nicht bedacht, dass die „Märchenidylle“, wie sein älterer Kollege erzählte, von Juni bis August dauerte, danach begann die sogenannte „Nebensaison“.

Sein Urlaub fing Mitte November an. Sofort zeigte die Nordsee ihren wilden Charakter. Stählerne Wellen umspülten den breiten Sandstrand. Der bleierne Wind trieb die Blätter über die Promenade. Er wehte sie in die Straßen und Gassen. Es schien, als beuge er nicht nur die Bäume, sondern auch die Straßenlaternen. Die bunten Häuser ertranken im Quecksilber des Regens.

Mit den Jahren verschwanden die rostigen Flecken an der Decke des kleinen, dunklen Zimmers, die ewige Feuchtigkeit, das schmale Bett mit der klumpigen Matratze und die klammen Laken aus seiner Erinnerung. Was blieb, war die Romantik der ersten Hochzeitsnächte mit dem Rauschen der Brandung und dem Ächzen der alten Weide vor dem Fenster.

Franz wandte den Blick von dem unruhigen Meer ab und ließ ihn am Ufer entlang gleiten. Die von Panzern zertrampelten Gärten, Straßen und Gassen waren zu einem großen, grauen Durcheinander geworden. Strohdächer stürzten ein. Fenster und Türen wurden durch die Druckwellen herausgerissen. Die Hütten klafften mit leeren Augenhöhlen und lagen wie riesige, von der Zeit gebleichte Totenschädel auf dem Hügel. Das einst malerische Krimdorf glich einem Friedhof für Riesen.

Seine unglücklichen Gedanken wurden durch das Geräusch sich nähernder Fahrzeuge unterbrochen. Sie bekamen Verstärkung. Flink sprangen die Neuankömmlinge von den Ladeflächen und stellten sich entlang der Straße auf.

„Weggetreten!“, winkte der Offizier aus dem Führungswagen und befahl dem Chauffeur, ins Hauptquartier zu fahren.

Die Fahrzeuge waren schon lange weg, und die Rekruten standen immer noch schüchtern da. Sie sahen sich um, suchten jemanden, dem sie sich anschließen konnten, aber die alten Frontsoldaten beachteten sie nicht.

Schließlich löste sich der Größte und scheinbar Entschlossenste aus der Gruppe und ging auf Franz zu. „Guten Tag! Ist das eine Mundharmonika?“ Er zeigte seine weißen, ebenmäßigen Zähne.

Die alberne Frage passte so gar nicht zu seinem scharfsinnigen Blick, offenbar hatte er sie gestellt, um auf diese Weise Bekanntschaft zu machen.

„Ach, das?“, Franz drehte das kleine Musikinstrument in seinen Händen und blinzelte schelmisch. „Nee, dat sieht nur so aus. In Wirklichkeit ist es eine Handgranate.“

Der Junge schniefte leise, senkte die weißen Wimpern und begann, mit der Stiefelspitze im grauen Lehm zu wühlen.

Franz betrachtete den Neuankömmling mit unverhohlener Neugier. Er musste an die Bilder in der Zeitschrift „Die Wehrmacht“ denken. Dieser Bursche hatte das gleiche makellose Gesicht: eine hohe, offene Stirn, klare Augen, eine gerade Nase, einen festen Mund, ein männliches Kinn und vor allem helle, fast weiße Haare. Die neue Uniform saß wie maßgeschneidert. Die Bildunterschrift sollte lauten: „Wir befreien die Krim von der Roten Pest!“

Obwohl es nicht zu seinen Regeln gehörte, Fremde zu überfahren, beschloss Franz, dem Schönling auf den Zahn zu fühlen und fragte ihn spöttisch: „Kommst du direkt aus der Hitlerjugend?“

Der Junge strich mit seinen langen, schlanken Fingern über seine neue Jacke, über die straffen Riemen: „Ach, das? Das ist nur eine Tarnung.“ Er blickte auf und fuhr fort: „Eigentlich war ich schon an allen Fronten.“

Franz war überrascht: In der blauen, bodenlosen Tiefe plätscherte ein frecher Trotz.

„Weißt du, Junge? Ich habe schon viele gescheite Kerle gesehen. Fast alle hatten leider ein kurzes Leben.“ Franz sah ihn an, dann wurde er weich: „Na gut, na gut. Unentschieden: eins zu eins.“ Er rückte zur Seite und deutete auf einen freien Platz: „Setz dich doch. Die Hose ist sowieso grau, also kann ihr der Staub nicht viel anhaben. Wie heißt du denn?“

„Wolfgang“, stellte sich der junge Mann kurz vor und reichte ihm die Hand.

Franz nannte sich und antwortete mit einem festen Händedruck.

Nach Abschluss der „Formalitäten“ plumpste Wolfgang auf die Stufe, schlug ein Bein über das andere und lehnte sich als Gleichberechtigter zurück. Franz zog die rechte Augenbraue hoch. Das Lächeln, das in seinen Augenwinkeln aufblitzte, entging Wolfgang nicht. Sofort löste er sich von dem borstigen Pfosten und nahm eine respektvollere Haltung ein.

„Also. Kommst du direkt von der Schule oder wat?“, fragte Franz freundlich.

„Nein, nicht direkt.“ Wolfgang richtete sich auf und sprach schnell und deutlich, als würde er einen auswendig gelernten Lehrstoff wiederholen: „Nach dem Abitur habe ich eine militärische Grundausbildung absolviert. Dann wurde ich kurz beurlaubt und bin zu meinen Eltern gefahren. Und jetzt bin ich hier und werde an der Operation Trappenjagd teilnehmen“.

„Aha, du bist also zur großen Operation Trappenjagd gekommen“, sagte Franz geistesabwesend, blies kräftig in seine Mundharmonika und begann zu spielen.

„Hör mal. Das ist doch ... na klar!“ Wolfgang beugte sich vor, schaute ihm ins Gesicht und summte ein bekanntes Kinderlied: „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind, sein Ross, das trug ihn fort geschwind“.

Franz nickte zustimmend, unterbrach das Lied aber nicht. Wolfgang schwieg und schaute seinen neuen Kameraden an.

Etwas größer als der Durchschnitt, schlank und breitschultrig, wirkte Franz, der inzwischen zwei Kinder hatte, viel jünger als er tatsächlich war. Seine Gesichtszüge waren so verschieden, als hätte er sie auf der ganzen Welt gesammelt. Seine Haut, die nie gebräunt war wie bei den Völkern des hohen Nordens, hob sich durch ihr Weiß von dem dunklen, leicht gelockten Haar ab, das eher für die Bewohner der südlichen Breitengrade typisch war. Seine orientalischen, mandelförmigen Augen kontrastierten mit der geraden europäischen Nase. Zu dieser Mischung aus Ländern und Kontinenten gesellten sich der d`Artagnan-Schnurrbart, den Franz „aus Gründen der Beständigkeit“ trug, und das holländische, längliche Kinn mit Grübchen.

Franz spielte das Lied zu Ende und steckte die Mundharmonika in seine Tasche. Er senkte den Kopf, vergrub die Finger in seinen Locken und sprach nachdenklich: „Du kommst hierher, „zur Trappenjagd“, und glaubst wohl, wir würden gleich und sofort alle unsere Gegner besiegen?“ Er verstummte und starrte eine lange Zeit auf den grauen Abhang.

Zwischen den zerbrochenen Brunnenkränen entdeckte er einen völlig unbeschädigten gusseisernen Topf. Wie ein Bowlerhut hing er etwas schief und albern an einem der Pfosten und wollte so gar nicht in das Bild der allgemeinen Zerstörung passen. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, sprach Franz leise weiter.

„Am Anfang haben wir uns gestritten, wie schnell wir diese Halbinsel besetzen können. Wir haben sogar Wetten abgeschlossen. Die Optimisten haben behauptet, in zwei Wochen haben wir alles in der Tüte. Die Realisten waren der Meinung, dass die Sowjets drei Monate lang Widerstand leisten könnten. Jetzt ist schon mehr als ein halbes Jahr vergangen, und wir sind mal auf dem Vormarsch, mal auf dem Rückzug. Im Grunde treten wir die ganze Zeit auf derselben Stelle. So ist sie, Junge, unsere Jagt.“

Borgen und Schmausen endet mit Grausen

Nach den Frühjahrsstürmen brach eine gnadenlose Hitzewelle über die Halbinsel herein. Die durchgeschwitzte Uniform wurde hart wie ein Taucheranzug und ließ nicht die geringste Luftzirkulation zu. Entgegen den Beteuerungen der Armeeschneider war der dünne Wollstoff überhaupt nicht sommertauglich: Die rauen Falten scheuerten unter jedem Gürtel, besonders aber unter den Achseln und im Unterleib. Man wollte sich am liebsten ausziehen und nackt ins Meer stürzen.

Noch schlimmer war es mit den Stiefeln. Sie drückten so sehr, dass die Füße der Soldaten anschwollen und sich mit Blasen bedeckten. Franz holte zwei Handgranaten und ein volles Gewehrmagazin aus den Stiefelschenkeln und verstaute alles in seinem Rucksack. Das Klappmesser steckte er in die Hosentasche. Wolfgang tat es ihm gleich. Breite, niedrige Stiefelschäfte aus gutem Rindsleder sorgten nun für Belüftung, schlugen aber heftig auf die Waden und rieben die Knöchel. Die Sohlen der Schuhe, mit zahlreichen Stahlnägeln gespickt und an Spitze und Absatz beschlagen, wurden mit jedem Schritt schwerer.