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Елена Шольц – Jahr für Jahr. Ein Krieg - unterschiedliche Schicksale (страница 13)

18

Am Abend erreichte die Kompanie den nächsten Ort. Der Befehl des Kommandanten, „bis zum Morgen Quartier zu nehmen“, klang wie Hohn: Keine Hütte, kein Haus war hier ganz geblieben.

Wolfgang und Franz lösten sich von ihren Kameraden und bogen in eine kleine Gasse ein. Sie suchten Schatten: Selbst bei Untergang stach ihnen die Sonne noch in den knallroten Nacken. Die Sackgasse endete mit einer Steintreppe, die unter der Ruine eines großen Hauses verschwand.

„Schau mal“, Wolfgang deutete mit der Mündung seines Gewehres auf die niedrige, grob gezimmerte Tür und wollte gerade die erste Stufe nehmen, als ihn sein erfahrener Kamerad zur Seite schob: „Halt, Wolf, vielleicht ist dat eine Falle“.

Mit den Worten: „Gib mir Deckung“, stieg er vorsichtig die abgenutzten, mit Lehmschutt übersäten Stufen hinunter, öffnete die Tür, steckte die Waffe in den Spalt und lauschte. Kein Geräusch, kein Rascheln. Unsicher drehte er sich um — Wolfgang hatte die Türöffnung im Visier — und wagte einen Blick hinein. Niemand da. Vorsichtig schlüpfte er in das kühle Verlies.

Seine Augen hatten sich noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt, aber seine Nase hatte den geheimen Zweck des Kellers bereits unmissverständlich erkannt: Der Geruch von Feuchtigkeit und Schimmel vermischte sich mit den herben Aromen der Gärung.

Er schaute hinaus und rief begeistert aus: „Wenn dat eine Falle ist, dann ist es eine alkoholische!“

Wolfgang ging die Treppe hinunter, doch als er das Poltern hörte, blieb er auf halbem Weg stehen und richtete sein Gewehr wieder auf die Tür.

„Was ist los?“, fragte er im Flüsterton.

„Verdammt, hier ist es so dunkel wie im Grab! Vorsicht, es kommen noch ein paar Stufen!“, warnte Franz. Er ließ sich auf die unterste Stufe fallen, zog den rechten Stiefel aus und rümpfte die Nase — er stank nach altem Ziegenkäse. „Verfluchte Knobelbecher. Und die sollen das Gelenk halten“, murmelte er und rieb sich den verstauchten Knöchel.

„Lebst du noch?“ Wolfgang schaute durch die angelehnte Tür.

„Ja-ja, mach dir keine Sorgen. Komm rein.“

Wolfgang zog den Kopf ein und blieb fassungslos unter dem niedrigen Türrahmen stehen.

Gegenüber dem Eingang stand ein antiker Schrank mit geschnitzten offenen Türen. Seine Regale waren bis zum Rand mit Weinflaschen gefüllt. Die zierlichen Schönheiten schlummerten friedlich, jede in ihrer eigenen Nische, von einer dicken Staubschicht bedeckt. Jemand hatte hier eine beeindruckende Sammlung edler Tropfen zusammengetragen und über die Zeiten hinweg bewahrt.

An der linken Wand stand eine breite Bank aus einem gebrauchten Weinfass. Darüber schimmerte ein schmales Fenster. Außen war es fast vollständig mit Lehmschutt bedeckt, innen von einem dichten Spinnennetz durchzogen. Die Sonnenstrahlen durchbrachen alle Hindernisse und zeichneten die Umrisse einer Bergkette auf den Steinboden. Die Schatten der Gipfel lagen auf drei Kreisen, die sich als die Böden riesiger Eichenfässer entpuppten.

Sie lagen auf dem Boden in einer tiefen Steinnische rechts vom Eingang. Über ihnen ruhten zwei ebenso korpulente Freundinnen auf einem dicken Brett. Unter dem dunklen, mit grauem Schimmel bedeckten Gewölbe befand sich ein etwas kleineres Fass.

Die akrobatische Komposition wurde durch folgende Inschrift ergänzt: „Уменье пить не всем дано, уменье пить — искусство. Тот не умён, кто пьет вино без меры и без чувства. (Trinken kann nicht jeder, Trinken ist eine Kunst. Wer sich sinn- und kopflos betrinkt, der ist nicht ganz bei Trost.)“

Der Spruch war in vier geschwungenen roten Bögen über dem Gewölbe eingemeißelt. Wolfgang versuchte, die großen altslawischen Buchstaben zu entziffern, stolperte aber gleich über das erste Wort. Da er die ganze Tragweite der Moral nicht erkannte, winkte er lässig ab: „So ein Quatsch“. Dann sprang er die Treppe hinunter, durchquerte den Keller und schmiegte seine Wange an den Metallring: „Mein lieber Herr Gesangsverein! Geistige Nahrung. Und so viel! Bin ich schon im Himmel?“

„Noch nicht. Lass dir ruhig etwas Zeit“, schnaubte Franz. Mit einem leisen Stöhnen zog er seinen Stiefel an, ging zum Schrank, nahm wahllos eine der Flaschen heraus und wischte sie mit dem Ärmel ab: „Na, wat haben wir denn da?“

Wolfgang reckte den Hals und meinte verächtlich: „Das Bild ist viel zu einfach.“

„Deshalb muss der Inhalt sehr gut sein. Ein guter Wein ist wie eine Lady: Er kleidet sich dezent, aber mit Sinn für Stil“, erwiderte Franz belehrend und begann, das Etikett zu studieren.

Auf einem kreisförmigen Hintergrund mit unscharfen Konturen waren ein Weinberg und ein alter Weinkeller dargestellt, dahinter ein spitzer Berg und eine riesige aufgehende Sonne. Da die Zeichnung in Pastellfarben gehalten war, leuchtete das Innere der Flasche umso kräftiger in einem satten Bernsteinton.

„Hör mal, Herr Pfarrer. Sprichst du vielleicht noch ein Gebet dazu?“ Wolfgang schluckte den Speichel hinunter und wollte nach der Flasche greifen, aber Franz schirmte den aufdringlichen Kameraden mit seiner breiten Schulter ab: „Nicht so eilig, Junge! Wat steht denn da?“ Er machte einen Schritt nach links und stellte sich direkt unter das Fenster. „Toka …“, begann er, „den letzten Buchstaben kann ich nicht entziffern. Moment mal! Ist das ein ‚Tokaji‘?“

„Na und?“

„Na und? Junge, Junge! Du bist ein Kulturbanause. Man nennt ihn den Wein der Könige und den König der Weine.“

„Wie kompliziert! Der Schlund ist noch ganz trocken, aber die Birne dröhnt schon. Und woher hast du nur so viel Wissen?“

„Wenn du so lange wie ich an der holländischen Grenze dienen würdest, würdest du Produkte aus aller Welt kennenlernen. Was diese Gauner alles einschmuggeln! Zigaretten, Kaffee und natürlich alle Arten von Alkohol. Aber zurück zur ‚geistigen Nahrung‘. Wusstest du, Junge, dass Franz Schubert diesen Wein in seinem Werk Lob des Tokayers persönlich gepriesen hat?”

„Amen“, kreuzte Wolfgang die Luft vor der Nase seines Kameraden. „Lass mich entkorken.“

Er zog einen Grabendolch aus der Tasche, griff nach der Flasche und wollte den Korken hineindrücken, aber Franz hielt ihn auf: „Junge, Junge, Junge. Gib her! Ich habe eine bessere Lösung. Und zwar ohne Krümel.“

An der linken Schranktür befand sich ein Messingriegel, an dessen dünnem Bügelgriff ein kleiner Anker hing. Der Bügel des Souvenirs war mit drei Ringen verziert, die Spindel war mit einem Patronengurt umwickelt, der Scheck trug die Jahreszahl 1696, darunter stand „Principium“, offenbar das Baujahr und der Name des Kriegsschiffes. In den Rillen und Furchen der Bronze verbarg sich die türkisfarbene Patina.

Franz schraubte den Zylinder auf, zog einen Korkenzieher aus dem Hohlraum und begann ihn mit außerordentlicher Geschicklichkeit in den Korken zu drehen — die Ankerhörner waren ein guter Hebel.

Wolfgang sah ihn verblüfft an: „Wie hast du das erraten?“

„Der Zoll, Junge! Hab ich doch gesagt: der Zoll! Wo immer diese Schurken ihre Schmuggelware verstecken. Ich bin wie ein Spürhund, ich habe eine gute Nase für Schlupfwinkel. So, genug geplaudert. Hol deinen Becher.“

Er brauchte seine Aufforderung nicht zu wiederholen. Wolfgang nahm den Verpflegungsrucksack mit dem Namen „kleiner Arsch“ von der Schulter und löste den Karabiner mit dem Flachmann. Dann löste er den Riemen, mit dem der grüne, flache Becher am Deckel befestigt war. Franz tat es ihm gleich mit der offenen Flasche in der linken Hand.

„Na, Junge, lass die Luft raus“, sagte Franz und schenkte Wein in einen Soldatenkrug. „Prost, Wolf!“

„Prost, Franz!“

Sie tranken in einem Zug. Franz schenkte sofort nach und zwinkerte: „Tja, Junge, auf einem Bein kann man nicht stehen.“

„Genau“, stimmte Wolfgang zu.

„Der Wein ist ziemlich stark. Wir sollten etwas essen. Komm, setzen wir uns“, schlug Franz vor.

Sie setzten sich an die Seiten der Bank und stellten ein paar neue Flaschen dazwischen. Franz kramte in seinem Rucksack und zog zwei weiße Dosen heraus. Auf der einen stand in vier großen Buchstaben „Brot“, auf der anderen „Fleischkonserven“.

„Na, Junge! Komm, greif in deine Tüte“, ermunterte er Wolfgang.

„Ach herrje! Das letzte Hemd hat keine Taschen“, erwiderte dieser und holte stolz eine geräucherte Blutwurst hervor, die in Soldatenkreisen abfällig „Churchills Pimmel“ genannt wurde.

Sie waren schnell betrunken, und dieser Keller wurde für sie der gemütlichste und schönste Ort auf der ganzen Welt. Sie vergaßen Krieg, Gefahr und Tod, tranken köstlichen Krimwein und redeten über alles.

„Es ist schön hier: Das Meer und die Berge. Hier könnte ich mein ganzes Leben verbringen“, träumte Wolfgang.

„Ja, ja, die Berge“, pflichtete ihm Franz bei.

Er fasste sich an den Nacken, wollte ihn aus Gewohnheit reiben, riss aber die Hand weg — die Haut brannte, als hätte man sie mit Brennnesseln gepeitscht. Er nahm eine leere Flasche von der Bank, blickte auf den Berg, der sich blau von der großen Sonne abhob, und sagte wehmütig: „Aber zu Hause ist es trotzdem schöner. Bei uns am Niederrhein gibt es neben Feldern und Wiesen auch einen Berg. Klein, aber steil, so wie der hier. Ich liebe Berge. Kennst du die Sächsische Schweiz?“

„Ja, natürlich! Das ist doch nicht weit von Dresden.“