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Елена Шольц – Jahr für Jahr. Ein Krieg - unterschiedliche Schicksale (страница 8)

18

Als Nikolaj in den frühen Morgenstunden seinen Wachdienst antrat, streckte er sich genüsslich. Dabei berührte er mit der Handfläche das feuchte Laub und in seinem Kopf entstand ein genialer Plan. Er legte alle verfügbaren Utensilien unter die Zweige, zögerte kurz, nahm den Helm vom Kopf, zog die Innenausstattung heraus und legte auch die leere Metallschale hinein.

„Hör mal, du bist ja ein richtiger Kulibin!“, staunte Slawa und schluckte laut. „Aber den Helm solltest du trotzdem aufsetzen, sonst bläst dir der Deutsche den Kopf weg.“

„Schafft er nicht! Na, Dima, lass uns eine rauchen! Mein Bauch bläht sich schon so auf, als hätte ich `ne tote Maus drin.“

„Ich rauche doch nicht“, antwortete Dmitrij mit einem breiten Grinsen, „oder hast du das vergessen?“

„Davon red` ich auch.“ Nikolaj klopfte Dmitrij mit seiner sommersprossigen Hand auf den Rücken. „Roll den Knaster aus, mein Freund, sonst vertrocknet er“.

„Bei deinem Verbrauch? Schau, es sind nur noch ein paar Krümel übrig.“ Dmitrij zog ein zerknülltes Päckchen mit der Aufschrift „Махорка крупка курительная“ („Mahorka zum Rauchen“) aus der Tasche und reichte es Nikolaj. „Und hör auf, mich zu hauen. Auch ohne deine Schläge weiß ich, dass ich dein bester und vor allem nützlichster Freund bin.“

„Ja, klar“, bestätigte Nikolaj lässig und stieg von der „Hühnerstange“.

Er setzte sich auf seinen Vorsprung, öffnete das Päckchen, schätzte die Tabakmenge ab, rollte ein Stück Zeitungspapier zu einem Röhrchen zusammen und faltete das untere Ende. Vorsichtig schüttete er die braunen Krümel in den Trichter und kratzte mit einem Fingernagel alle Ecken und Falten der Packung aus. Dann zündete er das „Ziegenbeinchen“ an, nahm einen tiefen Zug, bedeckte seine Augen mit den gelben Wimpern und stieß schweren, beißenden Rauch durch die Lücke zwischen seinen Vorderzähnen aus.

„Hör zu, Kolja, teile deinen Nutzen mit dem Kameraden“, jammerte Slawa, was nicht zu seiner tiefen Stimme passte. „Mein Schlund ist auch schon ganz trocken.“

„Gib mir Papier, auch der Tabak gehört dir. Gib mir Feuer, wir verqualmen das Ungeheuer.“

„Ich weiß, ich weiß, das habe ich schon hundertmal gehört“, Slawa streckte seine kräftige Hand aus.

Obwohl Nikolaj unter seinen Kameraden nicht als Geizhals gelten wollte, konnte er sich nicht zurückhalten und schimpfte: „Das ist die letzte, also übertreib nicht.“

„Ja, ja, in Ordnung“. Slawa machte zwei tiefe Züge, maß den Rest mit den Augen ab und gab ihn Nikolaj zurück.

„Seit Tagen sitzen wir hier in diesem Loch. Ohne Essen, ohne Trinken. Und die da drüben? Die schmieden ihre teuflischen Pläne und überlegen, wie sie uns ausrotten können. Kein Tier tötet seinesgleichen“, sagte Dmitrij nachdenklich und blickte durch die dünnen Eichenzweige in den dämmrigen Wald.

„Auch Tiere streiten sich. Hast du schon mal gesehen, wie Stiere um eine Kuh kämpfen? Sie stoßen mit den Hörnern, muhen wie verrückt und treten mit den Hufen, dass der Boden bebt“, widersprach Jegor, der die ganze Zeit besorgt auf die Kippe schaute. Von dem „Ziegenbeinchen“ war nur noch ein Huf übrig. Mit den Worten: „Lass mir wenigstens ein bisschen“, griff er nach dem Rest und nahm hastig einen kräftigen Zug.

„Was man alles tut, um das Herz einer Frau zu gewinnen. Gebrochene Hörner sind nicht das größte Opfer“, antwortete Dmitrij. „ Außerdem bringen sich die Tiere nicht gegenseitig um, sondern messen nur ihre Kräfte. Und der Homo Sapiens schlachtet sich gegenseitig ab, erfindet immer neue Mittel der Vernichtung.“

„Was sags` du da? Welcher Homo?“, wunderte sich Nikolaj.

„Homo Sapiens — ein vernünftiger Mensch. Und dieser vernünftige Mensch zerstört sich gerade selbst.“ Dmitrij wandte sich an die Raucher. „Wisst ihr zum Beispiel, dass ein Tropfen Nikotin ein gesundes Pferd tötet?“

„Ein gesundes Pferd?“, wiederholte Slawa und stupste Jegor an, der das tödliche Gift in Rekordgeschwindigkeit vernichtete.

Jegors Augen blinzelten, seine Nüstern blähten sich wie die eines Hengstes vor einem hohen Hindernis. Er nahm einen letzten Zug, verbrannte sich dabei die Lippen, fluchte, warf die Kippe auf den Boden, löschte sie mit Spucke und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab.

„Dima, warum bist du so klug? Kannst du mir das erklären?“ Jegor schob seinen Helm an den Hinterkopf, als wolle er die Antwort nicht nur hören, sondern auch erwägen.

„Klug?“, Dmitrij zuckte mit den Schultern. „Nicht klüger als der andere.“

„Doch, natürlich bist du klug. Schau mal, wie viele knifflige Wörter du kennst. Und egal, was man dich fragt, du weißt immer eine Antwort“, beharrte Jegor.

„Ach, komm. Das ist keine besondere Intelligenz, das ist nur Wissen“, winkte Dmitrij ab.

„Er raucht nicht, mein Freund“, erklärte Nikolaj und versetzte seinem Kumpel eine derartige Kopfnuss, dass dessen Helm nach vorne rollte und sich wie das Visier eines Ritters auf den Nasenrücken setzte.

„Und was hat Rauchen damit zu tun?!“, fragte Jegor so empört, als hätte er ganz vergessen, wie schnell er gerade das allgemeine Vergnügen ausgesaugt hatte.

„Jegor, mein Freund, du tus`doch den ganzen Tag nichts anderes als zu qualmen, oder?“

„Na und?“

„Und Dima liest inzwischen Bücher, bildet sich weiter“, erklärte Nikolaj.

„Warum schnorrst du dann selbst, hä? Warum gibst du den anderen nicht deinen Tabak ab und machst selbst diese Weiterbildung?“, schnaubte Jegor, aber Slawa, der Friedlichste in der Runde, drückte seine schmale Schulter mit schwerer Hand.

„Ich mag auch Bücher. Vor allem Abenteuer“, sagte er mit seiner sonoren Stimme und blickte sich würdevoll um. „Aber ich hatte keine Zeit zum Lesen. Und eine richtige Schule gibt es in unserem Dorf auch nicht. Nach meiner sogenannten „Grundschule“ musste ich sofort meinen Eltern helfen. Wir sind doch Selbstversorger und ich bin der Älteste von neun Geschwistern.“

„Also, meine Freunde, wir alle haben nur drei Klassen und einen langen Korridor hinter uns. Dima ist der einzige Gelehrte in unserer Runde.“

„Gelehrte? In welcher Wissenschaft denn?“, kroch Jegor aus dem schweren Arm.

„Hast du`s vergessen? Er ist Buchhalter. Mit einem einfachen Volksschulabschluss bekommt man keine solche Ausbildungsstelle. Dima, erzähl mal: Wie bist du Buchhalter geworden?“

„Ach, da gibt es nicht viel zu erzählen. Nach der Grundschule wollte ich eigentlich unserem Stallburschen, Onkel Fedot, helfen. Aber meine Eltern haben darauf bestanden, dass ich weiter lerne. So ist das eben. Kolja, lenk mich nicht ab, sonst schleichen sich die Spione an“, sagte Dmitrij und blickte aufmerksam in den Morgendunst.

Alle wurden still und dachten daran, dass sie sich in einem Wald voller Gefahren befanden. Neben Bombenangriffen warfen die Deutschen auch Flugblätter und ließen Fallschirmspringer in das Grenzgebiet. Ehemalige Weißgardisten in Uniformen der Roten Armee tauchten an den unerwartetsten Orten auf, betrieben Feindpropaganda unter Zivilisten und Sabotage in militärischen Einheiten.

„Dima, du bist eben ein Polyglott!“, rief Jegor ein Wort, das er irgendwo aufgeschnappt hatte.

„Was für ein Fluch is`das?“, fragte Nikolaj verblüfft und versetzte ihm erneut einen Klaps in den Nacken.

„Du bist selbst ein Fluch.“ Jegor rieb sich den Hinterkopf.

„Na, was has`du denn gerade gegackert? Was ist das für ein Wort? Das hört sich so merkwürdig an“.

„Po-ly-glott, du Trottel“, sagte Jegor.

Aus Angst, noch eine Ohrfeige zu bekommen, zog er den Kopf ein. Dadurch sah er aus wie ein beleidigter Papagei.

„Na und?“

„Wie? Muss ich dir alles erklären? Hast du das Denken ganz verlernt? Das kommt bestimmt vom Rauchen.“

„Du, Jegor, flipp jetzt nicht aus“, beruhigte ihn Slawa.

„Polyglott ist derjenige, der viel weiß“, fuhr Jegor etwas ruhiger fort und wandte sich Dmitrij zu. „Dima, sag`s ihm!“

„Richtig, Jegor, richtig. Das ist ein Mensch, der viele Sprachen spricht.“

„Aha, dann bin ich also auch ein Polyglott“, freute sich Slawa und klemmte erneut Jegors Nacken unter seinen rechten Arm.

„Du auch?“, stöhnte er und schaute unter dem Ellbogen hervor wie eine verschlissene Stute unter dem Joch.

„Na ja. Ich weiß, wie man sagt: „Ich liebe dich.“

„Hm…. Ich auch“, grinste Jegor. Er krabbelte unter dem tonnenschweren Arm hervor und setzte sich auf die andere Seite des Grabens.

„Na ja. Ich kann es in mehreren Sprachen sagen.“

„Na ja, na ja. Und woher so ein großes Wissen?“

„Na ja, das kommt alles von den Leuten. Zum Beispiel ‚Je t'aime‘. Das ist Französisch. Unsere Lehrerin hat immer das Grammophon aufgelegt, sich ans offene Fenster gesetzt und sehr traurig ‚Je t'aime, je t'aime‘ gesungen. Ihr Verlobter ist nicht aus dem Bürgerkrieg zurückgekehrt.“

„Und? Ist das alles?“ Jegor schnurrte spöttisch: „Je t'aime, je t'aime.“

„Kannst du nicht zählen? Ich habe doch gesagt: in mehreren Sprachen. Hast du schon einmal ‚I love you‘ gehört?“

„Welcher Löwe?“

„Du bist ein Esel! ‚I love you‘ —‚Ich liebe dich‘. Unser Nachbar Onkel Borja war sein ganzes Leben lang Soldat und kehrte aus dem Ersten Weltkrieg ohne rechte Hand zurück. Er hatte keine Frau und keine Kinder. Aus Einsamkeit oder aus anderen Gründen, ich weiß es nicht, hat er sich eine Ziege gekauft. Wenn er trank – und das war oft der Fall – umarmte er sie am Hals, weinte und flüsterte ihr ins Ohr: ‚I love you, i love you‘. Das hatte er im Ersten Weltkrieg von einem gefangenen Engländer aufgeschnappt. Dieser küsste das Bild seiner Frau und flüsterte immer wieder: ‚I love you, I love you‘.“ Slawa straffte den Rücken und sah Jegor stolz an.