реклама
Бургер менюБургер меню

Елена Шольц – Jahr für Jahr. Ein Krieg - unterschiedliche Schicksale (страница 7)

18

Der dritte Stallbursche, Kyrill, hustete leise in seine Faust und schlug vor: „Nennen wir sie Fee“.

Dmitrij betrachtete das breite Becken des Pferdes, seine muskulöse Brust und seinen kräftigen Hals und sagte zweifelnd: „Fee? Schön, aber überhaupt nicht passend.“

„Warum nicht?!“ stieß Ilja eifersüchtig hervor.

„Eine Fee ist schlank und zierlich. Eine wahre Göttin“.

Kyrill strich zärtlich über die aschfahle Mähne und sagte mit so warmer Stimme, als spräche er zu seiner Geliebten: „Schau! Ist sie nicht eine Göttin!? Die beste Partie für unseren Imperator!“

„Nun, ja. Aber ihr solltet wissen, dass Feen den Menschen immer nur Unglück gebracht haben“, fuhr Dmitrij stur fort.

„Das ist doch alles Quatsch und Aberglaube!“ sagte Demyan entschieden und beendete damit die Diskussion.

Dmitrij sah ein, dass weitere Einwände zwecklos waren und nickte zustimmend: „Na gut, wie ihr wollt. Habt ihr eine Blechdose?“

„Wozu denn?“ wunderte sich Ilja.

„Wir machen ihr ein Namensschild. Onkel Fedot, Stallmeister in unserer Kolchose, hat mir gezeigt, wie man es prägt“.

„Und womit?“

„Ganz einfach! Mit einem Nagel zum Beispiel.“

„Nagel? Kein Thema. Davon haben wir jede Menge. Wie Sand am Meer!“, rief Demyan zufrieden über den positiven Ausgang der Debatte. „Kyrill, geh in die Küche und bitte Danilych um ein paar Blechdosen. Wir machen Schilder für alle Zugpferde. In unserem Stall herrscht schließlich Gleichberechtigung!“

1941

Eine taufrische Ernte

„Oh, meine Freunde, ich könnte jetzt einen kalten Kwas gebrauchen und ein ordentliches Dampfbad!“

Nikolaj kratzte sich unter dem Hemd und stieg würdevoll von der Erdstufe, die er neben der Grabenwand errichtet hatte, um auf gleicher Höhe mit seinen größeren Kameraden zu stehen.

„Hey, Soldat Uschakow, wie lange wills`du noch pennen, es is`schon hell, geh auf Wache.“

Er richtete seinen versteiften Rücken auf, holte einen Kamm hervor, kämmte sein verfilztes Haar nach hinten, blies den Kamm aus und steckte ihn wieder in die Brusttasche seiner Uniform. Dann spuckte er auf seine Handflächen, strich sich die Schläfen glatt und tätschelte sein strähniges Haar, um zu prüfen, ob die Frisur richtig saß. Er steckte beide Daumen vorne unter den Gürtel, wackelte damit hin und her und brummte unglücklich — die Uniform saß von Tag zu Tag lockerer.

Er rüttelte Dmitrij an der Schulter: „Du schläfst wie ein Toter, mein Freund, selbst ein Kanonenschuss weckt dich nicht auf“, und kletterte wieder auf die „Hühnerstange“, wie Jegor seine Stufe spöttisch getauft hatte. Diese abfällige Bezeichnung ärgerte Nikolaj sehr, aber je mehr er sich dagegen wehrte, desto mehr setzte sie sich durch.

„Ja-ja, ich steh schon auf“, sagte Dmitrij mit verschlafener Stimme.

„Was meinst du? Wie lange sitzen wir schon hier?“

„Ich schätze mal: Über eine Woche.“

Dmitrij setzte sich auf, rieb sich mit den Fäusten die Augen, bedeckte den Mund mit der rechten Handfläche und gähnte leise. Er wollte sich strecken und zuckte plötzlich zusammen. Da fiel ihm ein, dass der Krieg bereits seit zehn, nein, sogar seit elf Tagen andauerte.

Er war buchstäblich aus heiterem Himmel über sie hereingebrochen.

An einem warmen Juniabend kam die Division in der Region Pskow an, um an großen Truppenübungen teilzunehmen. Sie übernachteten in Zelten auf einem alten Truppenübungsplatz aus der Kutusow-Zeit. Am nächsten Morgen wurden sie von einem deutschen Flugangriff überrascht.

Während die Soldaten fassungslos auf die schwarzen Kreuze starrten, öffneten die Flugzeuge ihre Bombenklappen.

Wie viele seiner Kameraden hatte auch Dmitrij keine Zeit mehr gehabt, in Deckung zu gehen. Er fiel genau dort zu Boden, wo er stand. Er richtete den Blick zum Himmel und sah mit Entsetzen, wie neben Erdklumpen und Kleiderfetzen auch Teile von Menschen herabfielen.

Aufgewachsen im hohen Norden wusste er aus erster Hand, was Gefahr bedeutet. Aber egal, ob man einem wilden Tier begegnete, sich in einem Boot auf einem reißenden Fluss befand oder in einen Schneesturm geriet, man konnte das Geschehen irgendwie beeinflussen oder das Hindernis aus eigener Kraft überwinden. Hier fiel der Tod willkürlich vom Himmel, und nichts konnte diese herzlose, sinnlose Zerstörung aufhalten.

Als das Dröhnen seinen Höhepunkt erreichte, überkam Dmitrij eine so grenzenlose, bleierne Angst, dass er sich auf die Seite rollte und die Beine bis zum Kinn anzog. Er lag in Fötushaltung, die Finger am Hinterkopf verschränkt, die Ellbogen auf die Ohren gepresst und die Augen schmerzhaft geschlossen.

Für viele war der Krieg vorbei, bevor er begonnen hatte, aber Dmitrij hatte kein Splitter getroffen.

Noch am selben Tag kam der Befehl, die Division nach Westen zu verlegen. Verfolgt von feindlichen Flugzeugen und nach Dutzenden von Kilometern auf zerbombten Straßen nahm die Division die Verteidigung in Lettland auf. Die Gruppe von Unteroffizier Mozhgin blieb zur Bewachung des Waldweges zurück.

„Ach du heiliger Waldschrat! Die Deutschen knüppeln wie die Irren. Kinder, gräbt euch ein, bis zu den Ohren, bis zu den Scheiteln“, drängte der Unteroffizier besorgt.

Auf kurzen, krummen Beinen lief er bis zum Einbruch der Dunkelheit zwischen den Schützengräben umher und murmelte vor sich hin: „Mit Gewehren gegen Panzer. Ach, meine Söhne. Auf zur fröhlichen Jagd!“

Sie schliefen mit Infanterieschaufeln in der Hand ein. Onkel Semjon weckte seine Untergebenen lange vor Tagesanbruch und befahl ihnen, die Einzelgräben mit Vollprofilgräben zu verbinden.

Der Zugführer, ein gebürtiger Udmurter, hieß eigentlich Sezai Mozhgin, aber die Soldaten nannten ihn „Onkel Semjon“. Und das machte ihm nichts aus. Der alte Soldat, der Hunderte von Kilometern auf den Straßen des Ersten Weltkriegs zurückgelegt hatte, der an der Revolution und am Bürgerkrieg teilgenommen hatte, hatte nie Zeit gehabt, eine eigene Familie zu gründen. Er behandelte seine Untergebenen wie seine eigenen Kinder, drängte nie auf übertriebene Unterwürfigkeit und bestrafte nie ohne triftigen Grund. Und wenn er seine dünnen Augenbrauen zusammenzog, dann nur, um die Nachsicht in seinen schwarzen, schräg stehenden Augen zu verbergen.

„Dima, hey, mein Freund, schon wieder eingenickt?“

„Nein, nein, Kolja, nur ein bisschen gegrübelt.“

„Ein Dampfbad, sag ich, wäre nicht schlecht, hm?“

„Ein Dampfbad, sagst du?“ Dmitrij stützte sich mit den Ellbogen auf die Brüstung neben seinem Kameraden. „Das ist eine gute Idee. Irgendwann werden wir zusammen in die Banja gehen. Irgendwann …“

„Gleich geht die Sonne auf, die wird uns schon einen ordentlichen Dampf verpassen“, murmelte Jegor und gähnte.

Er erhob sich auf die Knie, zog die Schulterblätter zusammen, so dass seine Rippen ein Skelett auf den staubigen Kittel zeichneten, kroch auf allen vieren zu seinen Kameraden und lehnte sich mit dem Rücken an die sandige, stets bröckelnde Wand des Grabens.

„Boa! Wie lange noch? Verdammte Hitze!“, schimpfte er mit brüchiger, jugendlicher Stimme.

Es war die ganze Zeit unerträglich heiß. Tagsüber fingen die Kiefern die Sonnenstrahlen ein, wickelten sie in lange Nadeln und wiegten sie in ihren weit ausladenden Kronen bis in die späten Abendstunden. In der Nacht strömte ein dicker, harziger Duft über die wächsernen Stämme, breitete sich über den Graben aus und verbarg sich in allen Ritzen und Winkeln bis zum neuen Morgen.

„Jegor! Warum stehs`du so früh auf? Schlaf noch ein bisschen. Jetzt is` Dima dran.“

„Ich kann nicht mehr pennen. Mein Magen brummt wie eine Hummel.“ Jegor krümmte sich, presste die Hände auf den Bauch und leckte sich über die spröden Lippen. „Wo sind denn alle, haben die uns etwa vergessen?“

„Nun, für uns haben sie keine Zeit. Hörst du die Deutschen hämmern? Tag und Nacht, Tag und Nacht. Bald haben sie uns, das kann ich euch versprechen“. Slawa hob seinen zerzausten Strohkopf. „Jegor, mach Platz.“

Wie üblich kauerte er sich dreifach zusammen: die riesigen Stiefel, Größe 45, an die gegenüberliegende Grabenwand gepresst, das markante, von hellen Stoppeln überwucherte Kinn in den Knien vergraben, die rechte Hand um den knochigen Nacken seines Kameraden geklammert.

„Kolja, wo ist denn dein Helm?“, brummte er erstaunt. „Deine Sonnenblume kann man sieben Meilen weit sehen.“

„Unter der Eiche. Da, schau. Und der Flachmann is`auch da.“

„Was hast du denn vor?“

„Was hab`ich vor? Tau sammeln, mein Freund. Verstehs`du? Tau.“

„Ta-au?“, dehnte Jegor skeptisch.

„Ja. Guck mal, es tropft! Hundert Milliliter sind bestimmt schon drin“, versicherte Nikolaj stolz auf seine Erfindung.

„Wenigstens kann man sich damit die Kehle nass machen.“ Jegor kratzte sich nachdenklich am Kükenhals.

Essen und Wasser wurden nur einmal, am Abend des zweiten Tages, an ihre Position gebracht. Aufgrund seiner langjährigen militärischen Erfahrung ordnete Onkel Semjon an, die drei Tagesrationen zu halbieren: So gelang es, die Verpflegung auf knapp eine Woche auszudehnen. Das Wasser wurde noch mehr gespart, aber schließlich war auch der letzte Kanister leer.

Neben Kiefern und Tannen wuchsen im Wald auch Laubbäume. Junge Eichen breiteten ihre Äste in der Nähe des Grabens aus. Onkel Semjon hatte diese Stelle bewusst gewählt: Das Gestrüpp bot sowohl dem Wachposten als auch dem Schützen gute Deckung.