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Елена Шольц – Jahr für Jahr. Ein Krieg - unterschiedliche Schicksale (страница 6)

18

Heinrich konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen: „Hallo Klaus, ich habe dich auch vermisst.“

Die wachsame Witwe im Haus gegenüber war einfallsreicher. Sie fand eine Vielzahl von Beschäftigungen: den Teppich ausschütteln, die Veranda fegen, die Wäsche aufhängen. Bei Vorfällen, die eine längere Beaufsichtigung erforderten, goss sie den Vorgarten.

Diesmal beschloss sie, das Fenster zu putzen. Die grünen Fensterläden öffneten sich weit und ein faltiges Gesicht erschien in der halbrunden Öffnung. Während ihre Handflächen mit dem Tuch über das saubere Glas strichen, verfolgten ihre Augen das Geschehen auf der Straße.

„Hallo Heinrich! Wieder im Lande?

„Ja, Gudrun. Dank deiner Gebete.“

Er stieg die Steinstufen hinauf. Vor der Eingangstür blieb er wieder stehen und berührte mit den Fingern die raue, mit Koksruß überzogene Wand.

Die Kokerei lag neben einem gestreiften Förderturm und einem langbeinigen Fördergerüst inmitten der Zechensiedlung. Sie schnaufte Tag und Nacht mit dem Eifer einer alten Dampfmaschine. Der braune Rauch zog durch die Straßen und Winkel, bedeckte die Dächer und Fassaden aller Häuser. Er trübte sogar die Blätter und Blumen. Die weißen Gardinen waren bereits einen Tag nach dem Waschen wieder vergilbt und rochen nach Kohlenstaub. Doch Ruß und Rauch gehörten zum Leben der Bergleute. Sie waren ihnen vertrauter und angenehmer als alle Farben und Aromen der Welt.

Der Vorhang am Fenster bewegte sich und verströmte den Duft von gekochten Bohnen: Mathilde war gerade dabei, Einmachgläser zu füllen. Heinrich stellte sich die Regale im Keller voller Marmeladen und eingemachter Lebensmittel vor, schluckte und klopfte dann an die Tür.

Auf der Schwelle erschien Doris. Sie trug dasselbe Kleid wie am Tag seiner Abreise, nur das blaue Seidenglöckchen bedeckte jetzt kaum noch ihre aufgeschürften Knie.

„Hallo, Tochter“, sagte Heinrich liebevoll.

Er breitete die Arme aus, wollte sie umarmen, aber sie wich zurück und schlug schnell die Tür zu. Sie rannte barfuß durch den Flur, durchquerte das Esszimmer und stürzte in die Küche. Heinrich hörte ihre laute Stimme: „Mama, Mama, da ist ein fremder Soldat.“

„Was für ein Soldat?“, rief Mathilde erschrocken.

Sie wischte sich die nassen Hände an ihrer Schürze ab, lief zur Tür und blieb fassungslos stehen: „Ach du meine Güte! Heini, hast du Urlaub?“

Mit einem schnellen Blick bemerkte sie die neugierigen Nachbarn und flüsterte: „Alle Geier sind auch schon da“. Dann zerrte sie Heinrich ins Haus, knallte die Tür zu und drehte den Schlüssel zweimal um. Mit dem ganzen Körper an ihn geschmiegt, strich sie über den grauen Stoff auf seinem Rücken und murmelte, als hätte sie alle anderen Worte vergessen: „Ach du meine Güte, ach du meine Güte, ach du meine Güte…“.

„Mama, wer ist das?“, fragte Doris und berührte schüchtern den Saum ihres langen Rockes.

Mathilde sah sie erstaunt an: „Doris, das ist doch dein Vater, erkennst du ihn etwa nicht?“ Sie wandte sich wieder Heinrich zu, betrachtete sein müdes Gesicht, die schwarzen Ringe unter den Augen, die eingefallenen Wangen und fragte: „Hast du die ganze Zeit gar nichts gegessen? Du fällst schon vom Fleisch.“

„Tja, wie man so schön sagt: Die Heringe haben ganz hoch an der Decke gehangen“, sagte Heinrich und lächelte etwas verlegen.

„Papa, bist du jetzt auch Soldat?“

Das Wort „Papa“ rührte ihn so sehr, dass Heinrich zusammenzuckte. Er wandte sich schnell ab, zog seinen Mantel aus und suchte lange nach der Schlaufe. Da er sie nicht fand, hängte er den Mantel schließlich am Kragen an einen gusseisernen Haken. Als er sich wieder gefasst hatte, wandte er sich seiner Tochter zu und fragte erstaunt: „ ... auch? Warum?“

„Walters Vater ist in den Krieg gezogen. Und Walter prahlt jetzt überall damit und schießt mit Steinschleudern. Hier, schau mal.“ Sie winkelte ihren linken Arm an und zeigte Heinrich einen kleinen blauen Fleck knapp über dem Ellenbogen.

„Oje. Tut es weh?“

„Ein bisschen.“

Heinrich hockte sich neben sie, nahm ihr Gesicht in seine Hände, sah ihr in die Augen und sagte sanft, aber nachdrücklich: „Siehst du, Tochter, schon ein Kieselstein tut weh. Und eine Kugel verletzt einen Menschen, verkrüppelt ihn oder tötet ihn sogar.“

„Tötet? Wie denn?“

„Tötet, tötet … Wie soll ich das erklären? Es ist so: Zack, und du bist weg, ganz weg!

Es kann auch sein, dass der Vater von diesem blöden Jungen nie wieder nach Hause kommt. Nie wieder, verstehst du? Der Krieg ist eine schlimme Sache“.

Mathilde sah ihren Mann mit weit aufgerissenen Augen an und legte den Finger auf die Lippen. Dann schob sie die Kinder ins Esszimmer. Als sich die Tür hinter ihnen schloss, fragte sie schnell: „Bist du nur zu Besuch?“

„Nein, für immer“.

„Für immer? Wie hast du das denn geschafft?“

„Ah, ganz einfach: immer am Ziel vorbeigeschossen!“

Eine neugierige Nase lugte durch die Esszimmertür. „Papa! Echt?“, schrie Doris.

„Nein, nein, Doris! Das war nur ein Scherz. Eigentlich ist es so: Ich werde hier mehr gebraucht.“

Fee

Der Winter kam schleichend, Schritt für Schritt. Mitte September fiel der erste Schnee. Er bedeckte den Rasen zwischen den Kasernen und die schlanken Espen. Er schmolz und fiel erneut. Die scharlachroten Blätter hörten auf zu flattern, hingen wie nasse Fahnen herab, verwelkten und fielen schließlich zu Boden. Sie froren tagelang auf dem frostbedeckten Rasen, bis ein nächtlicher Schneesturm sie mit weißen Mänteln überzog. Anfang Oktober war es bereits bitterkalt.

Dmitrij trat aus der Kaserne und hob den Kopf zum Himmel. Das Blau war so durchdringend, dass er die Augen zusammenkniff. Seine Nasenflügel zogen sich vor Frost zusammen. Weiße Wolken stiegen aus seinem Mund, versilberten seine Wimpern, zerfurchten seine Augenbrauen. Er atmete flach und versuchte, die klirrende Kälte nicht direkt in die Lungen zu lassen. Er war so sehr darauf konzentriert, dass er nicht einmal bemerkte, wie Nikolaj aus der Kaserne kam. Mit einer nicht angezündeten Zigarette im Mundwinkel starrte er ihn einige Sekunden lang erwartungsvoll an.

Dmitrij tat so, als sähe er zum ersten Mal die Gimpel, die sich an den eisigen Zweigen festhielten, und beobachtete dabei aus den Augenwinkeln seinen Freund.

Nikolaj hielt die Pause nicht aus: „Nun, mein Freund, wollen wir eine rauchen?“

„Du weißt doch, dass ich nicht rauche“, schaltete sich Dmitrij in ihr tägliches Geplänkel ein. „Na gut, komm“.

Er zog seine Fäustlinge aus, holte eine zerknitterte Streichholzschachtel aus der Tasche und gab Nikolaij Feuer. Dann hielt er das brennende Streichholz in der Hand, bis die Flamme seine Finger erreichte, warf den schwarzen Rest in den Schnee, pustete kräftig in seine Hände und zog seine Handschuhe wieder an.

Nikolaj schob die Zigarette in den linken Mundwinkel und bemerkte lässig: „Ich habe gehört, die Artilleristen haben ein neues Pferd bekommen.“

„Und du schweigst wie ein Partisan? Lass uns schnell hingehen!“

Im Stall hatte sich bereits ein vollständiger Rat versammelt, bestehend aus Demyan, dem Stallmeister, und seinen Gehilfen Ilja und Kyrill. Sie standen an der Trennwand der Box und betrachteten die Stute, um einen passenden Namen für sie zu finden. Wie üblich eröffnete der Ranghöchste das Gespräch. Demyan klopfte mit der Handfläche auf den breiten Hintern des Pferdes und sagte bedächtig: „Na, was haben wir denn da? Igel und Springmaus, Bube und Dame, Adler und Schwalbe.“ Er zählte würdevoll auf und krümmte seine rauen, nach Teer riechenden Finger. „Jedes Pferd hat ein Paar. Nur der Imperator hat keines“.

Ilja, der zweite Stallbursche, wippte die ganze Zeit ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Als das letzte Wort gesprochen war, brach es aus ihm heraus: „Nun, nennen wir sie Imperatorin!“

Doch Demyan lehnte den Vorschlag entschieden ab: „Nein, das passt nicht! Das ist zu lang. Du wirst deine Stimme verlieren, wenn du sie rufst“.

„Dann weiß ich nicht. Nur die Zarin ist kürzer“, Ilja wollte nicht aufgeben.

„Zarin? Was wird aus unserem Stall? Eine Monarchie?“

„Das gefällt dir nicht, dies gefällt dir auch nicht! Denk dir selbst einen neuen Namen aus!“

Ilja steckte die Hände in die Taschen seiner Wattejacke und wandte sich verärgert ab. Demyan legte ihm die schwielige Handfläche auf die Schulter und sagte mit versöhnlicher Stimme: „Komm, beruhige dich. Es ist doch nur ein Pferdename“.

Die Stalltür zuckte, löste sich vom Eis des Türrahmens und schwang mit einem ärgerlichen Quietschen ein Stück auf. Dmitrij und Nikolaj zwängten sich durch den Spalt. Die Stute hob den Kopf und starrte auf die Schatten, die sich in den Frostwolken abzeichneten. Dann runzelte sie den weißen Streifen, der sich von den Ohren bis zu den Nüstern über die Schnauze zog, und schielte wieder zu den Stallburschen hinüber.

„Nennt sie Birke!“ rief Dmitrij von der Schwelle. Er stampfte mit seinen Filzstiefeln auf, ging auf das Pferd zu und flüsterte ihm etwas ins pelzige Ohr. Das Pferd nickte und schnaubte leise. „Sieht ihr, sie ist schon einverstanden“.

Demyan hob den Kopf und starrte fassungslos auf die „Infanterie“, die gerade dabei war, der Artillerie Anweisungen zu geben. Dann glitt sein Blick zur Seite wie ein Besen, der eine Spinne aus einer dunklen Ecke fegt, und blieb am zweiten Stallburschen hängen. Ilja verstand ohne Worte und gab stolz die Meinung seines Vorgesetzten wieder: „Birke und Imperator? So ein Unsinn!“