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Елена Шольц – Jahr für Jahr. Ein Krieg - unterschiedliche Schicksale (страница 5)

18

„Rechts-um! Links-um! Kehrt-um!“ Die jungen Rekruten bissen sich auf die Lippen und drehten sich in alle Richtungen. Heinrich wurde immer verwirrter, bis er sein Ziel erreicht hatte — wieder zog er die Aufmerksamkeit des Kommandanten auf sich.

„Verdammt noch mal, nimm endlich Haltung an!“, knurrte Stelzmann und versetzte dem vor Anstrengung gebeugten Heinrich einen kräftigen Schlag auf den Rücken.

Auf das Kommando: „In Marschordnung-marsсh!“ gruppierten sie sich neu, drehten sich nach links und begannen, den Marschschritt zu üben. Heinrich beschloss, es nicht zu übertreiben. Er wich nur gelegentlich vom Rhythmus ab und schloss sich sofort mit einem leichten Hüpfer dem gemessenen Stampfen seiner Kameraden an. Stelzmann trieb den Trupp über den Platz, bis alle „im Gleichschritt“ marschierten, dann führte er die Soldaten auf einen breiten Waldweg und befahl ihnen zu laufen.

Der Wald, noch feucht vom Juliregen, roch nach frischem Laub und strahlte Lebenskraft aus. Doch die Rekruten konnten sich nicht lange an all diesen Düften erfreuen. Ihr Kommandant, der bereits im Ersten Weltkrieg Gasangriffe erlebt hatte, war bei dieser Übung besonders wachsam. „Gas!“, schrie der „alte Knochen“ wie aus der Pistole geschossen und trottete selbst, nur ohne Gasmaske, neben seinen Untergebenen her. „Los, ihr Fußlatschen, bewegt eure Ärsche! Los, los, los!“, trieb er sie an. „Los, los, los“, wiederholten die Buchen, glatt wie Kanonenrohre.

Selbst die härtesten Jungs waren außer Atem, selbst sie stolperten über die knorrigen Wurzeln. Wieder nutzte Heinrich die Gunst der Stunde. Er rutschte aus, fiel in die nasse Furche und war bis zu den Ohren mit Schlamm bedeckt.

Bei der Rückkehr ins Lager erlaubte der Unteroffizier allen, zum Frühstück zu gehen, und begleitete diesen Befehl mit einem leisen Triller. Heinrich schleppte sich müde am Ende der Kolonne. Als er den Kommandanten eingeholt hatte, wollte er den anderen zur Kantine folgen, doch Stelzmann versperrte ihm den Weg.

„Wo willst du denn hin, du kleiner Scheißer?“, fragte er.

„…frühstücken“, murmelte Heinrich und senkte den Blick.

Zwischen den grauen, buschigen Augenbrauen hatte sich eine Falte eingegraben, so tief wie eine Bergschlucht.

„Soso. Du hast es noch nicht kapiert. Wie antwortet man dem Kommandanten?“

Der Unteroffizier brüllte nicht, im Gegenteil, er sprach mit einer vertraulichen Stimme, die Heinrich aus irgendeinem Grund auf den Magen schlug.

„Ich glaube, ich muss mich um dich kümmern. Und zwar sofort.“

„Und was ist mit dem Frühstück?“, fragte Heinrich mechanisch.

„Gulaschkanone? Hm … vielleicht zum Mittagessen.“ Stelzmann zwinkerte ihm zu. „Wenn du es dir verdienst.“

Er nahm die Herausforderung an und war entschlossen, aus Heinrich einen „richtigen Soldaten“ zu rubbeln. Heinrich seinerseits bereitete sich auf einen langen Hungerstreik vor.

„Stillgestanden! Hinlegen! Aufstehen!“

„Jawohl! Jawohl! Jawohl!“

Nachdem er sein Opfer völlig verwirrt hatte, schrie der Unteroffizier erneut und ohne Übergang: „Gas!“

Mit zitternden Fingern versuchte Heinrich, die Gasmaske aus dem gerippten zylindrischen Gehäuse zu ziehen, aber die „Schweineschnauze“, wie die Soldaten sie treffend nannten, gab nicht nach.

„In dem Tempo kriechen nur Omas auf den Friedhof. Du bist schon eine Leiche“, knurrte sein Henker kehlig. „Und schau mich nicht an wie ein Pimmel aus der Schublade. Mach es noch einmal!“

Der Gummi klebte an seiner nassen Stirn, seine Finger rutschten von der glatten Oberfläche ab. Heinrich schaffte es erst beim dritten Versuch. Nachdem die Maske seinen Kopf hermetisch abgeschlossen hatte, klopfte ihm der Kommandant väterlich auf die Schulter: „Schweiß spart Blut“, und gab einen neuen Befehl: „Laufschritt-march! Mit dem Lied.“

„Mit welchem?“, Heinrichs Augen nahmen die Form von Okularen an.

„Hm..., sing doch mal „Die Fahne Hoch“.“

„Die Fahne hoch… Die Reihen dicht geschlossen… SA marschiert mit ruhig festem Schritt…“, begann Heinrich. Er versuchte, wie beim Training, seinen Schritt dem Rhythmus der Musik anzupassen und achtete auf seine Atmung.

Der Unteroffizier beobachtete ihn genau. Sein Verdacht bestätigte sich immer mehr: Der neue Rekrut wollte alle täuschen und tat nur so, als sei er schwach. Er beschloss, den Heuchler auf die Probe zu stellen.

„Was murmelst du denn da? Ich höre nichts! Lauter, noch lauter! Nicht trotten, laufen!“

Heinrich war am Ersticken, er spürte die völlige Unerträglichkeit des Gasangriffs. Bei den Worten: „Der Tag für Freiheit und für Brot bricht an“, fiel er mit voller Wucht auf das Kopfsteinpflaster. Der Unteroffizier sprang auf ihn zu und drückte seinen Stiefel so fest auf den Filter, dass Heinrich fast ohnmächtig wurde. „Die Fahne senkt! Die Fahne senkt! Die Fahne senkt!“, wiederholte Stelzmann triumphierend die letzten Worte des Soldatenliedes.

Am Ziel vorbeigeschossen

Die Freude über die Rückkehr schwappte wie eine heiße Welle von den Fersen in den Kopf, schoss wieder hinunter und nagelte Heinrich an der Kreuzung fest. Da war sie, die vertraute Straße, er brauchte nur links abzubiegen. Doch aus irgendeinem Grund blieb er stehen und starrte in die weite Ahornallee. Er konnte sein Glück immer noch nicht fassen: Er war nicht entlarvt worden, er war nicht an die Wand gestellt worden, und eines Tages durfte er einfach nach Hause gehen.

Dies geschah nach groß angelegten Feldübungen, die Teil der militärischen Ausbildung waren.

Frühmorgens wurden sie in Alarmbereitschaft versetzt. Stelzmann verteilte zuerst das Gerödel: Helme, Koppeltragesysteme, Rucksäcke namens Großer Arsch und zum Schluss — die Gewehre.

„Heute wird scharf geschossen“, sagte er und zwinkerte Heinrich zu, als wolle er ihm zur Erfüllung eines lang gehegten Traums gratulieren. „Hier, nimm deinen Bumsknochen.“

Das erste Hindernis auf ihrem Weg war ein kleiner Fluss.

„Die Brücke ist vermint“, warnte der Unteroffizier vorschriftsmäßig. „Rüber mit euch, Fußlatschen!“

Heinrich eilte seinen entschlossenen Kameraden hinterher. Eifrig fuhr er mit den Händen über das gespannte Seil. Als er fast das andere Ufer erreicht hatte, konnte er sich nicht mehr festhalten und fiel in den Fluss. Seine Stiefel liefen voll Wasser. Er fragte den Kommandanten, ob er seine Socken wechseln dürfe und bekam die vorhersehbare Antwort: „Sonst noch was? Vielleicht den Hintern abwischen?“

Dank dieses Zwischenfalls blieb Heinrich während der gesamten Übung in der Nachhut und geriet nicht in das Kreuzfeuer seiner kämpfenden Kameraden. Zurück in der Kaserne zog er sich stöhnend die nassen Stiefel aus. Seine Beine waren geschwollen, mit blutigen Schwielen und Hautfetzen übersät und erinnerten an einen Streuselkuchen mit Himbeeren.

„Noch nicht gekämpft, aber schon außer Gefecht gesetzt“, sagte der Unteroffizier verächtlich, erlaubte ihm aber, zum Sanitätsposten zu gehen.

Der Militärarzt gab Heinrich einen Holzstab und befahl ihm, darauf zu beißen. Er öffnete die Blasen, tränkte sie mit Jod, verband sie und ließ den Verletzten über Nacht auf der Station.

Am nächsten Morgen erhielt Heinrich einen finsteren Besuch. Von der Türschwelle herab überschüttete er ihn mit gnadenlosen Schimpfwörtern: „Na, du Pisser. Hast du dich glatt gemacht?“ Stelzmann trat ans Bett. „Pack deine Lumpen und verpiss dich, du Made!“ Dann drehte er sich auf den Fersen um, ging zur Tür und zischte durch die Zähne: „Ich würde dir am liebsten den Arsch verlöten.“

Dafür gab es nur eine logische Erklärung: Das Land brauchte Metall, um Waffen zu schmieden, und Kohle, um das Metall zu schmelzen. Irgendjemand da oben hat das rechtzeitig erkannt und alle Bergleute wurden an ihre Arbeitsplätze zurückbeordert.

Vertraute Geräusche erregten seine Aufmerksamkeit. Heinrich hob den Kopf. Hinter den roten Ziegeldächern tauchten Wildgänse auf. Eine Schar überflog die andere, und bald war der ganze Himmel von ihnen bedeckt. Die Gäste aus den Polarregionen gackerten laut, als würden sie etwas in ihrer eigenen Sprache besprechen. Die Schlauesten landeten auf den nächsten Höfen. Bedrohlich zischend nahmen sie den Hofgänsen das Futter weg.

Andere zogen wie eine graue Wolke über die Wiese und vertrieben die weidenden Schafe. Nur eine kleine Gruppe kreiste noch lange am Himmel und trauerte mit durchdringenden Schreien um ihre gefallenen Kameraden.

„Alles ist wie bei den Menschen“, dachte Heinrich und senkte den Blick. Die Schlacke, die in den Bergbausiedlungen seit jeher als Straßenbelag diente, war von einem herbstlichen Teppich bedeckt. „Bin ich wirklich zu Hause? Nicht im Urlaub, nicht zu Besuch — für immer? Warum schmerzt dann mein Herz so?“

Um seine innere Unruhe zu vertreiben, pflegte Heinrich zu boxen oder irgendeinen Unfug zu treiben. So steckte er die Hände in die Manteltaschen, pfiff leise und hob mit der Stiefelspitze einen Laubhaufen auf. Der Wind wirbelte die bunten Blätter auf, trieb sie die Straße hinunter, fegte sie unter die Zäune und verstreute sie in den verwelkten Vorgärten.

Das Rascheln verriet sein Kommen: Ein Nachbar aus der rechten Haushälfte trat auf die Veranda und zündete sich bereits eine filterlose Zigarette an.

„Ach Heinrich, wieder zu Hause?“, fragte er und tat dabei überrascht.