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Елена Шольц – Jahr für Jahr. Ein Krieg - unterschiedliche Schicksale (страница 4)

18

„Ja, ja, ich verstehe. Ihr habt also dort eine Scheune und einen Stall.“

„Richtig. Scheune, Stall und Heuboden.“

„Hm…, gut. Und was ist jetzt da unten?“

„Ziegen und Schafe.“

„Ach so? Ich bin dann wohl ein Schaf?“ Nikolaj schnaubte laut.

„Hast du schon mal rote Schafe gesehen?“, lachte Dmitrij.

„Nö. Und was ist im ersten Stock?“, unterbrach Nikolaj das heikle Thema.

„In den ersten Stock führt eine lange Holztreppe. Oben ist eine große Plattform, auf der die ganze Familie Platz hat.“

„Sag mal, mein Freund: Warum erklärs`du alles so kompliziert? Warum sags`du nicht einfach Veranda?“

„Nein, nein, das ist keine Veranda, das ist eine lange Treppe unter dem Dach.“

„Na und? Unsere Veranda is`ja auch überdacht. Is`das nicht dasselbe?“

„Nein, das ist nicht dasselbe“, beharrte Dmitrij. „Bei euch hängt das Vordach direkt über der Veranda, aber bei uns kommt es schräg über die ganze Treppe. Kannst du dir das vorstellen?“

„Hm…. Und wozu dieser ganze Aufwand?“

„Sag ich doch: Das ist Norden. Bei uns braucht man so ein Schutzdach. Weißt du, wie viel Schnee wir haben? Bis zum Bart.“

„Nein, wirklich? Bis zur Hüfte habe ich schon gesehen, aber bis zum Bart? Was für ein Winter!“

„Nicht doch im ganzen Winter, an einem Tag! Und am nächsten Tag kommt wieder so viel. Nur…. Das ist eigentlich kein richtiger Tag, weil es kein Sonnenlicht gibt. Unser Winter ist eine lange, lange Nacht. Aber egal, davon rede ich gar nicht. Stell dir vor, du willst morgens aus dem Haus gehen, aber du kriegst die Haustür nicht auf, weil sie total zugeschneit ist. Und wenn du dann endlich alles frei geschaufelt hast, siehst du statt der Treppe eine Rutsche. Die musst du mindestens dreimal am Tag schrubben.“

„Wozu schrubben? Du kannst doch einfach runterrutschen“.

„Du bist aber flink! Wenn du jung bist, schaffst du das vielleicht, aber wenn du alt bist — dann brichst du dir alle Knochen. Die Treppe hat zwanzig Stufen.“

„Oje, das is`ja wirklich hoch. Und was ist im ersten Stock?“, fragte Nikolaj ungeduldig.

„Als erstes betrittst du den Vorraum. Da hängen alle möglichen Kräuter an den Balken. Es riecht…“ Dmitrij atmete tief ein, doch statt des ihm vertrauten Kräuterdufts stieg ihm ein starker Fußgeruch in die Nase. „Nun ja. In der Mitte des Raumes steht ein großer Tisch. Darauf kocht den ganzen Tag ein Samowar. Wenn ein kranker Nachbar kommt, brüht meine Mutter sofort die entsprechenden Kräuter auf. Unsere Dorfbewohner gehen mit ihren Beschwerden nicht zum Arzt, sondern zuerst zu meiner Mutter.“

„Dann ist sie also eine Quacksalberin?“

„Nein. Eher eine Heilerin.“

„Gut. Und was is` denn hinter diesem Vorraum?“

„Dahinter ist die Küche. Da steht ein Ofen und da ist es immer warm“, beendete Dmitrij abrupt.

„Tja, mein Freund, du lebst in Saus und Braus“, neckte Nikolaj wieder.

„Du Südseele, du verstehst unseren Norden überhaupt nicht. Unser Haus hat noch mein Urgroßvater gebaut. Aus hundertjährigen Kiefern. Alles mit der Axt, ohne einen einzigen Nagel. Zum Schutz vor der kalten Erde und der Feuchtigkeit steht es auf einem hohen Sockel aus Lärchenholz. Verstehst du jetzt?“

„Klar, ich hab`s kapiert! Bei uns is`es genau umgekehrt. Im Winter is`es warm, der Schnee fällt und schmilzt sofort, oft schon in der Luft. Im Sommer is`es so heiß, dass man am liebsten aus der eigenen Haut fahren möchte. Deshalb ducken wir uns so tief wie möglich, näher zur Erde. Die Häuser sind niedrig und ihre Wände sind dick und aus Lehm und Stroh errichtet. Sie sind also auch völlig nagelfrei gebaut! Und auf dem Dachboden is`es höllisch heiß. Dort rollt meine Mutter die dünnen Lagen Obst zum Trocknen aus. Hast du schon mal Pastila gegessen? Aus Quitten oder Mirabellen. Oh, das is`so lecker, mein Freund!“

Er konnte seine Geschichte nicht zu Ende erzählen, denn der diensthabende Hornist blies zum Nachtruhe.

Schweiß spart Blut

Heinrich ging zum Fenster und blieb nachdenklich davor stehen. Er hatte noch keinen klaren Plan. Zudem zweifelte er an seinen schauspielerischen Fähigkeiten. Ja, es würde nicht leicht werden, sich vor dem Wehrdienst zu drücken. An die Stelle der Ungewissheit trat die Angst: Er würde sicher sehr schnell entlarvt werden. Er blickte zum Himmel, als erwarte er von ihm Hilfe. Die Wolken zogen ihre buschigen Brauen zusammen, aber statt zu antworten, brachen sie in strömenden Regen aus.

Das Wasser lief schnell durch die Ritzen zwischen den Steinen, breitete sich in den Vertiefungen aus und überflutete bald den gepflasterten Platz. In den Pfützen blubberten unzählige Blasen. Sie zerplatzten und verteilten sich in Tausende von kleinen Spritzern, die sich sofort in der allgemeinen Feuchtigkeit auflösten. Bei ihren Anblick wähnte Heinrich sich selbst als einen ebenso unbedeutenden Tropfen, der von jemandes bestimmender Hand in Krieg und Tod getrieben wurde. Geistesabwesend knöpfte er seine Feldbluse zu und flüsterte in das graue Fenster: „Sie bewachen uns wie Kettenhunde, nicht einmal eine Maus kommt durch.“ Damit meinte er die Offiziere, die die Wohnungen im Erdgeschoss der Kaserne bewohnten. Die Unterkünfte der Soldaten befanden sich in den nächsten Stockwerken zu beiden Seiten des langen Korridors.

Währenddessen zogen seine jungen Kameraden in Rekordzeit ihre neuen Uniformen an, schnallten sich stolz die Gürtel um und deckten ihre Betten faltenfrei mit grauen Decken zu.

„Bist du taub?“, zischte sein Nachbar und berührte ihn an der Schulter.

Heinrich erschauerte unwillkürlich. Ein langgezogener Triller, der dritte in Folge, breitete sich über die Etage aus, flog bis zur Toilette am Ende des Flurs, prallte von den gekachelten Wänden ab und verstummte.

Der Unteroffizier trug seine Pfeife standesgemäß am Achselband. Mit diesem primitiven militärischen Instrument wurden die wichtigsten Befehle gegeben. Er tat dies nach einer strengen Ordnung: ein langer Pfiff — Angriff, zwei lange Pfiffe — Rückzug, vier kurze Pfiffe — umgruppieren. Kurze Pfiffe wechselten sich mit langen ab, und jeder Soldat musste die ausgeklügelten Kommandos lernen und befolgen.

Die Pfeife begleitete ihren Besitzer wie ein treuer Hund überallhin und führte auch Befehle aus, die in den Vorschriften nicht vorgesehen waren. Mit leisem Kläffen lud sie die Soldaten in den Speisesaal, knurrte Unruhestifter an und bellte laut beim Wecken, gefolgt von ohrenbetäubendem Gebrüll: „Erster Zug, aufstehen!“ Ein Luftstoß aus der Kehle des Unteroffiziers fegte wie ein Orkan durch die Kaserne, ließ Holztüren knallen und Spinde klappern. Die Rekruten sprangen von den doppelstöckigen Pritschen, zogen ihre Hosen an und rannten zu den Waschbecken.

Drei lange Pfiffe bedeuteten, dass sich alle beim Kommandanten versammeln mussten.

Wie konnte er einen solchen Ruf überhören? Heinrich sah sich um. Fast alle Kameraden waren schon aus dem Raum gerannt.

Einer drehte sich um und sagte verächtlich: „Zieht dich deine Mutti noch an?“

Heinrich blickte ihn verwundert an und dachte: „Was hat er damit gemeint?“

„Du hast dein Hemd falsch zugeknöpft“, rief sein wohlmeinender Nachbar im Laufen und verschwand ebenfalls hinter der Tür.

Die Knöpfe fielen nicht in die Knopflöcher, die Finger zitterten vor Freude: „Das ist es, das ist es. Man muss alles verkehrt machen. Nur nicht übertreiben….“

Heinrich rannte aus der Kaserne, über den nassen Platz und reihte sich ein. Der Unteroffizier Stelzmann, der seit einigen Sekunden mit dem rechten Fuß auf die Pflastersteine tippte, erstarrte. Sein Stiefel blieb auf der Fersenspitze stehen.

„Mach den Stall zu, du bist nicht im Freudenhaus“, zischte er.

Eine tiefe Querfalte durchschnitt die fleischige Stirn, die prallen Wangen waren mit roten Flecken bedeckt, die dicken Lippen dagegen wurden weiß. Der Unteroffizier wandte seine ohnehin schon riesigen Augen zu Heinrich, senkte sie dann langsam und starrte unterhalb des Gürtells.

Heinrich folgte seinem Blick und erkannte: „Jawohl!“ Er neigte den Kopf, um die Freude in seinem Gesicht zu verbergen, und zog eilig den Hosenschlitz zu.

„Der hat einen Dachschaden“, flüsterte jemand spöttisch hinter seinem Rücken. „Der braucht eine Bärendusche“, meinte der andere. Der Unteroffizier blinzelte und alle verstummten.

Der Bataillonskommandeur trat in die Mitte des Platzes, hob die Hand zum Gruß und rief laut: „Heil, Soldaten!“

Die Rekruten erwiderten den Gruß: „Heil Hitler!“ Ihre Gesichter zeigten Hingabe und Bereitschaft, dem Vaterland selbstlos zu dienen und dafür ihr Leben einzusetzen.

„Rekruten! Ihr seid auf den Truppenübungsplatz gekommen, um die Kunst des Krieges zu erlernen und richtige Soldaten zu werden!“ Er konnte reden, seine Worte klangen überzeugend. „Nur ein richtiger Mann kann ein guter Soldat sein. Deshalb spielen Tugenden wie Disziplin, Ordnung und Kameradschaft im Militärdienst eine wichtige Rolle. Hier lernt ihr die Grundlagen des Soldatseins. Ihr erlernt den Umgang mit Waffen und Ausrüstung. Jeder von euch muss hart trainieren, um seinem Volk treu zu dienen!“

Wie fast immer im Leben wich das Pathos der Prosa, und auf feurige Reden folgte ein harter Drill.

„Augen-rechts! Still-gestan-den!“, befahl der Unteroffizier. „Links-um!“ Der Trupp folgte dem Kommandeur zum ersten Formationstraining.