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Елена Шольц – Jahr für Jahr. Ein Krieg - unterschiedliche Schicksale (страница 3)

18

„Was grübels`du denn, mein Freund?“, riss ihn ein hoher Tenor aus seinen Gedanken. „Oben oder unten? Such`s dir aus.“

Dmitrij blickte seinen neuen Nachbarn verdutzt an: „Aus diesem Klotz — so eine dünne Stimme?“

Trotz langem Suchen konnte der Magaziner keine passende Größe für ihn finden. Schließlich gab er ihm die größte der kurzen Uniformen. Die Hose platzte allerdings über seinem knackigen Hintern aus allen Nähten, war aber an den Beinen zu einer Ziehharmonika gefaltet. Die Feldbluse reichte ihm fast bis zu den Knien, saß aber unter den Achseln sehr eng, die Knöpfe sprangen aus den Knopflöchern, und der Leinengürtel hing am letzten Loch und auch da nur unter Spannung.

„Na, mein Freund, has`du dir die Zunge verschluckt? Wo wills`du schnorcheln, oben oder unten?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, streckte er seine Hand aus, breit wie eine Schneeschaufel: „Ich heiß` Nikolaj, nenn mich aber einfach Kolja. Und du?“

Seine Handrücken waren mit gelben Flecken übersät. Sommersprossen drängten sich an seinen Handgelenken, versteckten sich in den hochgekrempelten Manschetten und quollen aus dem Kragen seiner Feldbluse. Sie liefen weiter über Hals und Ohren, bedeckten seine runde Kartoffelnase und krochen unter den Ansatz seiner hellroten Haare. Selbst in seinen grauen Augen leuchteten goldene Pünktchen.

Dmitrij antwortete mit festem Händedruck: „Dmitrij Uschakow“.

„Ach so? Admiral Uschakow?“ zwinkerte Nikolaj verschwörerisch, „und wo kommst du denn her?“

„Werchnjaja Fussa.“

„Admiral, und zu Fuß? Wo is`denn deine Flotte?“ Er lachte gutmütig. „Schon gut, schon gut. Entspann dich, du beleidigte Leberwurst. War doch nur ein Scherz.“

Sein neuer Kamerad war eindeutig ein verletzlicher Mann. Zu diesem Schluss war Dmitrij gekommen, weil er ihn so schnell als sensibel eingestuft hatte. Wie seine Mutter zu sagen pflegte: „Gleich und gleich gesellt sich leicht“. Damit meinte sie alle Geistesverwandten: Ein Betrüger hält jeden für einen Lügner, ein ängstlicher Mensch glaubt, dass es um ihn herum nur Feiglinge gibt, in den Augen eines Narren besteht die ganze Welt aus noch größeren Dummköpfen. Und nur ein guter Mensch sieht die Fehler der anderen nicht.

„Ich bin überhaupt nicht beleidigt. Wie kommst du darauf? Und was Admiral Usсhakow betrifft, so bin ich nur sein Namensvetter.“

Nikolaj sah ihn misstrauisch an: „Und wo is`es, deine Fussa?“

„Fast am Polarkreis.“

„Oho, mein Freund! Dort, wo Eisbären an Eiszapfen nagen und ewiger Winter herrscht? Da is`bei euch kein Zuckerschlecken. Darum bis`du so streng. Wie bist du denn zu uns gekommen?“

„Zu euch? Was meinst du damit?“

„Ja, zu uns — Südländern. Wusstest du das nicht? Ich komme zum Beispiel aus Kabarda. Es gibt Leute aus Rostow, aus Stawropol, aber bestimmt nicht vom Nordpol.“

„Ich bin auch in Rostow eingezogen worden. Ich habe dort Buchhaltung studiert.“

„Hm, du… Buchhalter?“ Nikolaj warf seinen großen Kopf, der einem reifen Kürbis ähnelte, in den Nacken und blinzelte mit dem linken Auge. „Nein, mein Freund, so siehs`du nicht aus.“

„Warum nicht?“

„Ein Buchhalter is` ja mager, krumm, trägt eine Brille und schwarze Armbinden.“ Nikolaj bückte sich, kniff die Augen zusammen, als wäre er kurzsichtig, und klickte mit dem Zeigefinger auf einen unsichtbaren Abakus. Das Bild war zwar nicht ganz „mager“, aber durchaus glaubwürdig.

„Na ja. Meine Augen sind noch gut, ich brauche also keine Brille. Und Armbinden gibt es in der Armee nicht. Aber ich liebe Bücher, was hältst du von so einer Erklärung?“, sagte Dmitrij und lächelte.

In der Kaserne ging das Licht an. Eine Lampe ohne Schirm, die an einem verdrehten gelben Draht von der Decke hing, flackerte schwach in der Mitte des großen Raumes.

Nikolaj nahm seine Mütze ab, steckte sie in die Hosentasche, schob die rechte Hand zwischen den dritten und vierten Hemdknopf und trat mit stalinistischem Gang ans Fenster. Er spuckte sich in die Hände und strich sich die Haare von der Stirn bis zum Nacken. Die Stoppeln, die durch den „Nullhaarschnitt“ kaum nachgewachsen waren, standen zwar jetzt hoch, wiesen aber bereits in die richtige Richtung.

Er blickte in das dunkle Quadrat und prüfte sein Spiegelbild von vorn und im Profil. Dann drehte er dem provisorischen Spiegel den Rücken zu und versuchte, sich von hinten zu betrachten.

Er bewegte sich mit der Anmut einer jungen Robbe. Dmitrij konnte sich, so sehr er es auch versuchte, nicht zurückhalten und lächelte: „Du drehst dich wie ein Hund nach einem Floh.“

„Wa-a-as?“ Nikolaj erstarrte in Korkenzieherhaltung und fixierte Dmitrijs Schatten hinter dem Fenster. „Ein blöder Vergleich“, brummte er und kehrte zur Pritsche zurück.

Er setzte sich auf die untere Liege, spreizte die Beine, stemmte die Handflächen in die Knie und streckte die Ellbogen aus. Dmitrij stand vor ihm wie ein schuldiger Knecht vor einem strengen Herrn.

Er hatte sich zwar auch schon angezogen, den Gürtel aber noch nicht umgeschnallt. Stattdessen hielt er ihn in den Händen und strich über die Ledereinsätze auf dem dicken Leinengeflecht.

„Und? Warum fummelst du an ihm herum? Er ist doch kein Mädchen“, murmelte Nikolaj kritisch.

„Fass ihn doch selbst an“, schlug Dmitrij vor und hielt ihm den Gürtel hin.

„Na und?“

„Spürst du wirklich nichts?“

„Ein Gürtel wie jeder andere, nichts Besonderes.“ Nikolaj verband die Schnalle mit der Metallspitze des Gürtels. Dann zog er kräftig an beiden Seiten, bis die beiden Hälften mit einem lauten Klick aneinander stießen. Er wiederholte den Vorgang einige Male und nickte dann zufrieden: „Hm, ziemlich elastisch.“

„Riech mal dran, allein der Geruch ist es wert“, drängte Dmitrij.

„Soll ich ihn vielleicht auch lecken?“ Nikolajs eigener Witz gefiel ihm so gut, dass er wieder munterer wurde und anfing, sich kindisch zu benehmen. Er streckte seine dicke Zunge heraus und wollte gerade den Ledereinsatz berühren, als Dmitrij ihn unterbrach: „Hör auf herumzualbern, ich sagte schnuppern!“

„Tja, geschnuppert, und?“ Nikolaj kräuselte verächtlich die Lippen.

„Und?“, fragte Dmitrij und nahm ihm den Gürtel ab. „Du verstehst gar nichts, „mein Freund“! Er riecht nach Sattelgurten und ist so glatt wie der Rücken eines Fohlens.“

Dmitrij erinnerte sich an den Pferdehof im Dorf, wo er jede freie Minute verbrachte. Er liebte Pferde, kannte ihre Gewohnheiten und konnte auch den wildesten Hengst zähmen. Dazu brauchte er weder Peitsche noch Sporen. Wenn er sich einem unruhigen Pferd näherte, flüsterte er ihm ein paar leise Worte ins Ohr, die nur die beiden verstanden. Dann stieg er vorsichtig auf den zitternden Rücken und ließ das Pferd frei laufen.

Er galoppierte durch die saftigen Wiesen an der Flussbiegung und bemerkte nicht, dass ihn Dutzende von Augen schon lange beobachteten. Nicht nur sein gut gebauter Körper, sondern auch sein Charakter zog die Aufmerksamkeit der Dorfschönheiten auf sich. Jedes Mädchen wollte einen so tapferen und vor allem hilfsbereiten Bräutigam haben. Die Freundinnen stritten sich deswegen hin und wieder und spielten Wahrsagerinnen.

„Na, wer kriegt diesen blonden Jungen?“, wickelte sich die erste einen weißen Faden um den Finger und ging flüsternd die Buchstaben des Alphabets durch. „Schaut, Freundinnen, ich habe den Buchstaben D!“

„Meinst du etwa Dima? Ich habe gesehen, wie du an dem Faden gezogen hast. Dein kleiner Finger wird schon blau“, lachte die zweite. „Denk nicht mal daran! Ich kenne solche Zauberworte, da kann kein Junge widerstehen.“

„Nur ich werde diese Augen so blau und rauchig wie reife Blaubeeren anschauen. Nur ich werde diese Lippen küssen so leuchtend wie Preiselbeeren“, summte die Dritte romantisch und riss das letzte Kamillenblatt mit dem Wort „liebt“ ab.

„Mein Freund! Bis`du taub?“, unterbrach Nikolaj die angenehmen Erinnerungen. „Setz dich doch. In den Beinen steckt keine Wahrheit.“

„Ja, ja, stimmt.“

„Warum bis`du so nachdenklich?“, fragte Nikolaj und stieß Dmitrij mit dem Ellbogen so heftig in die Seite, dass er fast zu Boden stürzte.

„Verdammt, hast du Kraft!“

Nikolaj kicherte herablassend und spannte abwechselnd seinen Bizeps an: „Links is` ein Krankenhaus, rechts — ein Friedhof! Fühl mal!“

„Ich glaube dir aufs Wort. Hast du Felsbrocken in deine Ärmel gesteckt?“

„Genau! Riesige Steine! Ich bin zwar nicht groß, aber auch nicht mit dem Finger gemacht“, grinste Nikolaj. „Also, mein Freund, unten oder oben? Such`s dir aus, solange ich noch nett bin.“

„Na gut, solange du nett bist, werde ich mich mit der oberen Etage begnügen, wie bei uns zu Hause“, antwortete Dmitrij ohne zu zögern. „Unser Haus hat zwei Stockwerke.“

Eigentlich war es ihm egal, wo er schlief, aber er hatte Sorge, dass das obere Bett unter dem Gewicht seines Nachbarn zusammenbrechen könnte.

„Zweistöckig, sagst du? Ihr seid aber stinkreich“, grinste Nikolaj.

„Wieso denn reich? Das ist der Norden, Kolja. Wir können nicht anders.“

„A-a….“ Nikolaj sah Dmitrij eine Weile forschend an, dann gab er nach: „Na los, erzähl weiter.“

„Gut, aber beschimpf mich nicht wieder. Also, wir haben im Erdgeschoss einen Heuboden, da standen früher Kühe und ein Pferd. Die müssten wir in die Kolchose bringen. Du weißt schon…. Ich bin aber jeden Tag zu meinem Pferd gegangen, hab ihm Karotten gebracht, zum Knabbern. Nun ja, es hat mich auch ohne Leckerli nicht vergessen“.