реклама
Бургер менюБургер меню

Елена Шольц – Jahr für Jahr. Ein Krieg - unterschiedliche Schicksale (страница 2)

18

Diese Uhr hatte ihre eigene Geschichte. Sie war ein Hochzeitsgeschenk von Isolde, einer Schulfreundin Mathildes. Ihr Mann, ein wohlhabender Bauer, bekam sie nach dem Ersten Weltkrieg. Damals herrschte Hungersnot im Land. Viele Städter fuhren in die Dörfer, um Schmuck und Luxusgüter gegen Lebensmittel einzutauschen. Gekauft und verkauft wurde direkt an den Bahnhöfen, wenn die Vorortzüge hielten. Dieter bezahlte die Uhr mit zwei Pfund Kartoffeln und einem Laib Brot. Er wunderte sich noch lange, wie der schmächtige Aristokrat den unhandlichen Gegenstand in den Waggon gebracht hatte. Er selbst hatte die Uhr von seinem Vater geerbt, der sie aus dem Deutsch-Französischen Krieg mitgebracht hatte. Nach dem Ersten Weltkrieg waren das Elsass und Lothringen wieder an Frankreich gefallen, aber seit kurzem erneut von deutschen Truppen besetzt, und Heinrich fragte sich oft: „Wofür sind all diese Soldaten gestorben? Nur damit dieser dumme Vogel in unserem Haus kreischen kann?“

„Doris, tu ma nachschauen“, sagte Mathilde.

Doris sprang schnell von ihrem Stuhl auf, lief um den Esstisch herum, den kurzen Flur entlang und öffnete die Haustür. Sie trat auf die Steintreppe und zog einen grauen Umschlag aus dem Briefkasten, der rechts an der Wand hing.

Noch bevor sie ihn öffneten, erkannten sie, dass es sich um einen Einberufungsbescheid handelte. Statt einer Briefmarke prangte ein bekannter Stempel auf dem Umschlag. Der schwarze Adler krallte sich in den Hakenkreuzring, breitete die Schwingen aus und zeigte seinen gekrümmten Schnabel. Mit scharfem Blick starrte er Heinrich an, als ahnte er dessen geheime Absichten.

„Alles klar“, sagte Heinrich mit gesenkter Stimme.

„Papa, fahren wir heute zum Teich?“, fragte Doris noch hoffnungsvoll.

„Nee, Doris, tut mir leid, ich hab keine Lust.“

Trotz des schönen Wetters fand der Ausflug nicht statt. Eine seltsame Gleichgültigkeit überkam Heinrich. Er scherzte nicht wie sonst, alberte nicht herum, spielte nicht mit den Kindern, boxte nicht einmal. Gleich nach dem Frühstück ging er ins Wohnzimmer und ließ sich auf das Sofa fallen. Dort verbrachte er den ganzen Tag.

Mit halb geschlossenen Augen betrachtete er Mathildes Bastelarbeiten, die das kleine Zimmer schmückten. Ein Strauß Weizenähren auf einem niedrigen sechseckigen Tisch, Sonnenblumen, die in einem Dreieck aus Spitzenvorhängen leuchteten und eine Eule aus Birkenrinde, die von einer Kommode aus auf die Familienfotos in der gegenüberliegenden Ecke starrte.

Sommerliche Motive wurden von herbstlichen abgelöst, der Weihnachtsschmuck wich der Osterdekoration, nur die alte Grubenlampe mit dem Spitznamen „Frosch“ verließ nie ihren Platz über dem Kamin. Ein flaches, ovales Gefäß mit einem kopfartigen Griff an einem Ende und einem Docht am anderen Ende ähnelte tatsächlich einem Frosch. Die Bedienung war denkbar einfach: Man goss Öl in den Behälter, zündete den Docht an und regulierte die Flamme mit einer Schraube. An einer Kette, die am Griff befestigt war, konnte der „Frosch“ überall in der Grube aufgehängt werden.

Da eine offene Flamme gefährlich war, vor allem wenn sich im Bergwerk Gase ansammelten, wurde die Lampe nicht mehr bestimmungsgemäß verwendet. Ihr glänzender Messingkörper ruhte friedlich an einem Haken, der aus Schlägel und Eisen ragte. Die gusseisernen Miniaturwerkzeuge kreuzten sich für immer als Zeichen der Solidarität der Bergleute, der gegenseitigen Hilfe und Brüderlichkeit.

Anders als ihr Mann konnte Mathilde nicht untätig bleiben. Sie wusch das Geschirr, putzte den Herd blank und begann, die Bergmannskleidung zu waschen. Dabei wünschte sie sich: „Wenn ich all diesen Schmutz und all diese Ölflecken wegwaschen könnte, würde mein Mann nicht in den Krieg geschickt werden.“ Sie sparte nicht mit Wasser, schonte auch ihre Hände nicht. Sie rieb den groben Stoff heftig und unermüdlich auf dem Waschbrett und beruhigte sich erst, als sie sich die Haut an den Fingerknöcheln abgescheuert hatte. Dann hängte sie die blütenweiße Tracht an die Ofenstange, wo sie schneller trocknete als in der Sonne.

Die Unruhe der Eltern übertrug sich auf die Kinder. Sie machten wie sonst keinen Lärm und gingen in den Hof, wo sie bis zum späten Nachmittag in einem Sandhaufen hinter dem Schuppen spielten.

Dem trüben Tag folgte eine quälende Nacht. Heinrich versuchte, sich zum Einschlafen zu bewegen, aber es gelang ihm nicht. Sobald er die Augen schloss, erschien vor ihm das unheilvolle Symbol des Dritten Reiches. Der Adler erwachte zum Leben, bewegte seine Krallen und rollte mit seinem schwarzen Rad über Länder und Kontinente. Das Hakenkreuz zerfetzte alles, was lebte, und ließ eine tiefe Blutspur zurück. Plötzlich verlangsamte der Raubvogel sein Tempo, blieb stehen, schwankte hin und her, drehte seinen Schnabel langsam von Ost nach West. Der tödliche Mäher nahm Fahrt auf, raste in Richtung Deutschland und erreichte schon bald ihre Heimatstadt. Er knirschte auf Ziegeldächern, zertrampelte Türmchen, Torbögen und Haustreppen und zerbrach dabei Akazien, Linden und Ahorne.

Erschrocken schlug Heinrich die Augen auf und sprang aus dem Bett. An Mathildes verhaltenem Atem erkannte er, dass auch sie wach war, aber er schaltete das Licht nicht an. Er trat an den Spiegel, blickte aufmerksam in den Schatten hinter dem Glas und sagte entschlossen: „Nein, ohne mich!“

Der Mondpfad kroch durch die Vorhänge und beleuchtete das blasse Spiegelbild hinter seinem Rücken. Lange Locken, große Augen und ein halb geöffneter Mund verschwanden in der Dunkelheit. Das weiche Gesicht erhielt ungewöhnlich scharfe Konturen und wirkte wie eine antike tragische Maske. Mathilde saß schweigend da, ohne sich zu rühren, und endlich dämmerte es Heinrich: „Aber sie hat auch Angst. Angst um mich, nicht um sich. Und ich liege den ganzen Tag wie ein Narr auf dem Sofa, anstatt sie zu unterstützen“.

Er schämte sich und wollte sie von ihren traurigen Gedanken ablenken. „Mach dir keine Sorgen, Thilde. Wir schaffen das schon.“ Dann zog er die Augenbrauen hoch, legte sie schräg wie ein Dach, wodurch die Falte auf seiner Stirn zu einem bizarren Bogen wurde, spitzte die Lippen zu einem Rohr und sagte mit flehentlicher Stimme: „Zieht mich nicht in den Krieg, sonst erschieße ich dummerweise nicht nur die Feinde, sondern auch die eigenen Leute. Ist das glaubhaft? Ne?“

Es war albern, lustig, aber gar nicht überzeugend.

„Ich weiß nicht, Heini. Tu ma ein bisschen üben...“, sagte Mathilde ohne einen Anflug von Spott.

Sie neckte ihren Gesprächspartner immer mit einem ernsten Gesichtsausdruck. Das war eine der Besonderheiten ihres widersprüchlichen Charakters. Sie war freundlich, sanft, aber streng in der Erziehung ihrer Kinder. Sie verstand es unmerklich, ohne den Stolz zu verletzen, ihrem Mann die richtige Entscheidung nahezulegen oder ihn von unüberlegten Schritten abzuhalten.

Auch ihr Äußeres war zweideutig. Das hochgekämmte, gewellte Haar gab eine reine, friedliche Stirn frei, die unerwartet in eine gerade, kämpferisch spitze Nase überging. Während das rechte Auge das Gegenüber freundlich anblickte, musterte das schielende linke Auge den Nasenrücken. Wunderschön geschwungene, zarte Lippen wurden von einem willensstarken Kinn gestützt. Klein und rundlich, bewegte sie sich leicht und entspannt wie ein Luftballon.

Der Scherz beruhigte Heinrich ein wenig und er sagte mit lockerer Stimme: „Ja, du hast recht. Ich werde mir das gut überlegen.“ Nach einem kurzen Augenblick zwinkerte er: „Was ist das Wichtigste in der Armee?“

„Und was?“ Ein Lächeln blitzte in ihren Augen auf.

„Die richtige Strategie und Taktik! Ne?“

Er trat vom Spiegel zurück und setzte sich neben seine Frau auf die Bettkante. Liebevoll umarmte sie ihren Mann. „Na ja... Heini... tu nicht so schlau, dann glauben sie dir vielleicht.“

„Du hast Recht, Thilde! Hör zu, ich mache es ganz einfach. Ich werde das Ziel verfehlen. Als ob ich zwei linke Hände hätte und nicht gut sehen könnte. Was meinst du?“ Berauscht von ihrer Nähe verstand Heinrich selbst nicht mehr, wovon er sprach.

„Leider kann ich mein Schielen nicht mit dir teilen“, murmelte Mathilde zärtlich.

Sie versanken ineinander, und selbst der Mond hörte auf, durch die luftigen Vorhänge zu spähen, und zog sich leise hinter das Dach des Nachbarhauses zurück.

Der barfüßige Admiral

Dmitrij verbrachte schon zwei volle Jahre weit weg von zu Hause. Er vermisste sein Heimatdorf im Norden, aber noch viel mehr vermisste er seine Mutter. Er hatte seine Abschlussprüfungen bereits bestanden und wartete nur noch auf das Zeugnis für den Buchhaltungskurs, als er die Einberufung zum Militärdienst erhielt. Direkt von Rostow aus wurde er mit anderen Rekruten zu einem Standort im Militärbezirk Ural geschickt. Der Zug durchquerte das Land von Südwesten nach Nordosten, doch von der Militäreinheit bis zu Dmitrijs Heimatsort waren es noch gut tausend Kilometer.

„Nun, macht nichts. Ich werde meiner Mutter weiterhin jeden Tag Briefe schreiben, um die Zeit zu überbrücken. Was sind schon drei Jahre gegen ein langes Leben? Eigentlich nicht viel“, dachte er und lehnte sich gegen die zweistöckige Pritsche.