Елена Шольц – Jahr für Jahr. Ein Krieg - unterschiedliche Schicksale (страница 1)
Елена Шольц
Jahr für Jahr. Ein Krieg - unterschiedliche Schicksale
1940
Nein, ohne mich!
Im Gegensatz zu vielen begeisterten Patrioten war Heinrich nicht erpicht darauf, in den Krieg zu ziehen. Er war kein Feigling, er liebte auch sein Vaterland, er wollte nur nicht töten und schon gar nicht getötet werden.
„Ne, was für eine Schande!“
Er ließ den Völkischen Beobachter auf den Tisch fallen, sprang auf die Füße, schob seinen Stuhl klappernd zurück und rannte im Zimmer herum.
„Heini, du bist zu laut, mach das Fenster zu“, ertönte die Stimme seiner Frau aus der Küche.
Vom Fenster des Esszimmers blickte man auf das Dach des niedrigen Schuppens und weiter in den Garten. Rechts lag das Grundstück der Nachbarn, die in der anderen Haushälfte wohnten. Das kinderlose Ehepaar versicherte allen und jedem, dass ihnen als Großstadtmenschen die Neugierde auf dem Land völlig fremd sei. Doch bei jedem Rascheln erschienen sie auf der Gartenveranda. Die Frau ging zu den Beeten hinunter — dort gab es immer etwas Wichtiges zu tun — und ihr Mann saß auf der obersten Stufe und rauchte. Er zündete sich eine Zigarette nach der anderen an und wurde schließlich zum Kettenraucher.
„Um diese Zeit ist noch niemand im Garten“, winkte Heinrich leichtsinnig ab.
„Die Wände haben auch Ohren“, Mathilde hörte auf zu schneiden und erschien in der Tür zwischen Küche und Esszimmer. „Und warum läufst du rum wie Falschgeld?“
Trotz des scherzhaften Tons schwang Besorgnis in ihrer Stimme mit.
„Ach, welch Geld, nur eine kleine Münze“, murmelte er, ballte die Hände zu Fäusten, stopfte sie in die Hosentaschen und lehnte sich mit dem Rücken an die Anrichte.
„Was ist loß, Heini?“
„Was ist loß? Da, guck selbst“, er zeigte auf die Zeitung.
Mathilde löste sich vom Türpfosten, machte einen Schritt auf den Tisch zu und betrachtete das graue Blatt. Alles wie immer, nichts Neues. Bravouröse Fotos und grelle Schlagzeilen drängten sich wie Disteln auf einer Müllhalde. Verwundert sah sie ihren Mann an.
„Siehst du denn gar nichts?“
Heinrich drehte die Zeitung ruckartig in ihre Richtung. Der Leitartikel hatte folgenden Wortlaut: „Frankreich hat Waffenstillstand unterzeichnet“.
„Na ja“, Mathilde verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf.
Heinrich trommelte mit den Fingern auf die Tischdecke, griff nach der Zeitung und las die erste Zeile: „Nach dem völligen Zusammenbruch des französischen Heeres. Paris in deutscher Hand“. Der Buchstabe „r” rollte wie ein römischer Streitwagen durch den Raum und zerriss die warme Sommerluft.
Heinrich drehte sich zum Fenster und betrachtete eine Weile den Kirschbaum in der Ecke des Gartens. Vor kurzem war er noch weiß gewesen, aber jetzt…. Seit Tagen tobte ein heftiger Kampf um ihn. Die Drosseln saßen auf den schwieligen Ästen und bewachten die reifenden Beeren vor den frechen Spatzen, die im Flug versuchten, etwas Süßes zu ergattern.
Heinrich beobachtete ihre Raufereien und sprach leise weiter, schon ohne Empörung: „Diese Fahnen und Hakenkreuze. Alle sind verrückt geworden. Und viele begreifen gar nicht, was los ist.“ Er blickte auf, starrte auf die Lampe, die ihre hölzernen Arme über den Esstisch streckte, und fuhr bitter fort: „Die Partei…, der Führer…. Sie schwören — sie tun alles für das Volk, für das Land. Große Worte. Unsinn. Und wir? Für sie sind wir keine Menschen, nur Abfall.“
„Warum kaufst du sie dann? Du weißt doch, da ist nur Nazipropaganda drin. Geldverschwendung.“
„Wirklich — warum?“
Er zerknüllte das Blatt und warf es hasserfüllt gegen die Wand. Es prallte von der bunten Tapete ab, fiel hinter den Teewagen und verkroch sich wie eine Ratte in einer dunklen Ecke. Heinrich blinzelte ihm zu, grinste und ließ sich mit aller Kraft auf seinen Stuhl fallen. Dann stützte er die Ellbogen auf die Tischplatte und schlang die Arme um den Kopf.
„Weißt du, Thilde, früher haben die Angreifer einfach geraubt, ohne große Worte zu verlieren. Und heute? Verfolgung des Feindes bis zur völligen Vernichtung“, rezitierte er. „Welcher Feind? Welcher? Jetzt sind sie alle Helden und Befreier. Nein, nein! Ohne mich! Ich will mit solchen Schandtaten nichts zu tun haben.“
„Heini, bist du verrückt? Und wenn du einberufen wirst? Was dann? Du weißt doch, was mit Deserteuren passiert.“
Mathilde trat zurück und blieb stehen wie eine wehrhafte Mutter, ein langes, gezacktes Messer vor der Brust. Aber sie sah gar nicht kriegerisch aus. Ihre Hand zitterte, ihr sonst so willensstarkes Kinn war schlaff und in ihren leicht schillernden grauen Augen lag Angst.
Heinrich hatte es sich schon vor langer Zeit zur Regel gemacht, seiner Frau nicht ohne triftigen Grund zu widersprechen. Diese Taktik trug dazu bei, den Frieden und die Harmonie in der Familie zu erhalten. Aber jetzt war es anders. Es ging nicht darum, in welche Reihe die Karotten gepflanzt werden sollten, nicht einmal darum, wohin man in den Urlaub fahren sollte. Diesmal musste Heinrich eine wichtige Entscheidung treffen, von der die Zukunft der ganzen Familie abhing.
„Nein, nein! Ich werde nicht weglaufen, ich werde mich nicht verstecken!“ Er hob das Gesicht und sagte mit heiserer Stimme: „Ich habe mir etwas anderes überlegt.“
„Und was?“, fragte sie misstrauisch.
„Ich werde so tun, als wäre ich nicht wehrfähig. Ne?“ Er sprang wieder auf die Beine, stellte sich auf die Zehenspitzen und machte einen Haken nach dem unsichtbaren Gegner.
Skeptisch musterte sie seinen nicht sehr großen, aber gut gebauten Körper: „Das glaubst du wohl selber nicht.“
Sein kleiner, von schütterem hellem Haar bedeckter Kopf saß stolz auf einem drahtigen Hals. Die Sehnen an Schultern und Unterarmen waren zu engen Zöpfen geflochten und bronzefarben gebräunt. Ein graues Unterhemd schmiegte sich an seine muskulöse Brust, eine Leinenhose mit breitem Gürtel fiel locker um die schmalen Hüften.
Heinrich begann schon in jungen Jahren mit dem Boxen. Im Winter trainierte er im Boxclub, im Sommer auf dem Damm am Stadtteich, wo auch Wettkämpfe und Schaukämpfe stattfanden. Nach dem Umzug in ein eigenes Haus richtete er sich als erstes eine Sportecke im Keller ein und verbrachte dort fast seine gesamte Freizeit.
Zunächst wärmte er sich mit dem Springseil auf. Die Luft zischte vor lauter Tempo. Dann schlug er mit voller Wucht auf den Sandsack. Der Haken ächzte und der Boden des Esszimmers, das direkt über dem Übungsraum lag, dröhnte und bebte. Mathildes ganzer Stolz, das Porzellanservice, klirrte laut und sprang fast aus dem Schrank. Die Tischlampe tanzte auf der Buchenholzkommode und schwenkte ihren geblümten Schirm hin und her.
„Fast alle Bergleute sind an der Front. In den Zechen arbeiten überwiegend Kriegsgefangene. Ja, klar: Kohle schaufeln kann jeder, ne? Aber wenn sie mich in den Krieg schicken, wer tut dann die Loren reparieren? Und die Lokomotiven? Wer?“
Heinrich unterbrach seine hastige Rede und lauschte. Die Holzstufen knarrten unter den Kinderfüßen.
Während die meisten Bergarbeiterfamilien in kleinen Wohnungen lebten, bewohnten die Schmitzens die Hälfte eines zweistöckigen Hauses. Es ist nicht so, dass sie irgendwelche Privilegien genossen hätten. Sie hatten einfach Glück.
Zuerst hatte Mathildes Großmutter hier gewohnt, dann der Onkel mütterlicherseits. Wie alle seine Vorfahren begann er sein Berufsleben als Lehrling, arbeitete als Bergmann, dann als Schlosser, und als er zum Vorarbeiter befördert wurde, zog er in ein größeres Haus. Gleichzeitig legte er ein gutes Wort für die Familie seiner Nichte ein und überließ ihr mit Zustimmung der Bergbehörde seine Haushälfte.
„Guten Morgen“, begrüßte Doris fröhlich ihre Eltern.
Sie war fast vier Jahre alt und hielt sich für ziemlich groß, deshalb half sie erst ihrem kleinen Bruder auf den Stuhl und setzte sich dann selbst an den Tisch.
„Guten Morgen, meine Lieben“, sagte Heinrich und lächelte freundlich.
Inzwischen bereitete Mathilde das Samstagsfrühstück zu. Statt des üblichen Schmalzes gab es zwei Gläser: mit Leberwurst und mit Rübenkraut.
„Na, tu ma essen“, sagte sie wie immer.
„Hast du dein Tellerchen leer gemacht, gibt es morgen schönes Wetter“.
Heinrich zwinkerte erst seiner Tochter, dann seinem Sohn zu und begann, eine Scheibe Brot zu schmieren. Langsam und genüsslich legte er das Graubrot auf den Teller, belegte es dick mit Leberwurst und bestrich es mit Rübenkraut.
Diese ungewöhnliche Speise — eine Mischung aus salzig und süß — war eine der vielen Bergmannstraditionen. Wie Schlägel und Eisen wurde sie von Generation zu Generation weitergegeben, vom Großvater an den Vater, vom Vater an den Sohn.
Heinrich schnitt die Scheibe in zwei Hälften und verteilte sie mit den Worten „Guten Appetit” an die Kinder.
Kaum hatten sie mit dem Essen begonnen, klirrte es draußen.
„Ein Briefkasten?“, wunderte sich Mathilde.
„Die heutige Lektüre habe ich schon hervorgeholt und auch durchgeblättert.“ Heinrich warf einen verächtlichen Blick auf den Papierklumpen unter dem Teewagen und fuhr fort: „Die Briefe kommen erst nach zehn. Merkwürdig, was kann das sein?“
Er blickte auf die alte Uhr, die rechts neben der Küchentür über der Kommode hing. Die dünnen Zeiger näherten sich der Neun. Jeden Moment sollte ein Kuckuck herausspringen und durchs ganze Haus krächzen.