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Kh Beyer – Joana - deutsch (страница 6)

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"Was? Was wollen die hier?"

"Das ist die Familie, denen mal Deine Gaststätte gehörte. Ich glaub, das sind Juden." Kurt neigt etwas zur Spekulation. Er glaubt, die Leute zu erkennen.

"Die wurden von Adolf enteignet."

"Wieso sind die dann in den Westen gegangen?"

"Propaganda bewirkt Wunder, Karl. Jeder sucht sich seinen Henker selbst."

Kurt wirkt etwas bissig.

"Ich hab bissl Hunger. Mach mir mal ne Scharfe Sache."

Die "Scharfe Sache" war eine Kreation meiner Mutter. Es war Schweinebraten, kalt, auf einer doppelten Schwarzbrotschnitte, die mit Senf bestrichen, mit Meerrettich und saurer Gurke gefüllt wurde. Das Gericht hatte ich in meine Gaststätte mitgenommen. Das Gericht wurde mit Schweinebraten der Keule kalkuliert und mit Braten der Schulter serviert. Auf diese Art, konnte ich mir ein paar Pfennige extra verdienen. Zumindest gab es mir die Möglichkeit, meine Verluste zu verringern. Die Kontrolleure der ABI haben das großmütig übersehen. ABI war die Arbeiter- und Bauerninspektion, welche die Preise und ihre Einhaltung kontrollierten. Die ABI bestand zu achtzig Prozent aus Frauen. Mit denen war kein gut Kirschen essen. Die waren unbestechlich. Trotzdem waren die Frauen realistisch. Verluste konnte ich ihnen gut erklären. Alles lag im Rahmen.

Kurt isst langsam. Er hatte erst frisch einen Stiftzahn bekommen. Den soll er noch etwas schonen, sagt er. Kurt kommt fast täglich. Er trinkt immer ein Bier. "Gemütlich", sagt er. Mit einem Bier ist der halbe Liter gemeint. Zu besonderen Anlässen, genehmigt er sich einen Kirschlikör. Heimlich, wenn er allein bei mir ist, darf es auch ein Eierlikör sein. Vor seinen Kollegen schämt er sich, das Weibergetränk zu konsumieren. Joana gibt ihm manchmal ein Stück Kuchen vom Bäcker. Kurt ist ein heimlicher Süßhahn. Seit Joana bei mir ist, bleibt er länger. Seit einem Jahr, ist er allein zu Hause. Seine Frau, Berta ist gestorben. Sie war auch eine Spanienkämpferin. Sie war aus dem Ruhrpott und ist nach dem Krieg bei Kurt geblieben. Sie wurde im Westen schwer verfolgt und saß auch ein paar Mal ein. Berta trug immer das Abzeichen der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft am Revers.

Wir sitzen am Stammtisch zusammen mit Joana und vertreiben uns die Zeit mit ein paar Erinnerungen. Vor der Gaststätte stehen wieder Fotografen. Sie fotografieren unser Lokal.

'Was gibt es hier schon zu fotografieren', denk ich mir.

Die Tür geht auf und vier Leute kommen herein. Eine Familie, wie es aussieht. Die zwei Jüngeren werden begleitet von zwei ziemlich alten Personen. Die Jüngeren helfen den Alten aus der Jacke. Alle setzen sich.

Joana geht hin, um sie zu fragen, was sie möchten.

Sie bestellen Kaffee und fragen, welchen Kuchen wir anzubieten haben. Zum Glück haben wir nicht Alles gegessen. Joana kann Etwas vorweisen. Unsere Gäste nehmen die Windbeutel, Liebesknochen und ein paar Stücke Kirmeskuchen.

"Der Kaffee ist gut. Ich nehme noch ein Kännchen."

"Reicht Ihnen der Kuchen", fragt Joana.

"Der ist sehr gut. Den Bäcker kennen wir", sagt der Opa am Tisch. Er ist sicher um die Achtzig.

Kurt sitzt noch am Stammtisch und gibt ein paar Geräusche von sich. Ich habe es nicht verstanden. Der Opa am Tisch, schon. Er schaut, schaut nochmal, steht auf und geht zum Stammtisch.

"Kurt, bist Du es?"

"Mischa, äh Elias. Schön, Euch mal wieder zu sehen."

"Karl", sagt Kurt, "das waren mal die Besitzer Deiner Kneipe."

"Ich bin jetzt etwas überrascht."

"Nebenan, das ist ein Kino. Das gehörte dazu."

"Ich dachte, unser Kino ist unten im Kulturhaus."

"Früher war das hier. Das ging gut."

"Das war immer voll", sagt Elias.

Seine Frau bekommt feuchte Augen. Joana gibt ihr eine Serviette. Sie stellt sich mit Zine vor.

"Wir sind hier enteignet worden. Nicht von den Kommunisten. Von den Faschisten."

"Wollen Sie das wieder haben?"

"Wir haben es beantragt", sagt Elias.

Wir unterhalten uns noch etwas. Unsere Gäste möchten auch Abendbrot essen. Der nicht mehr so junge Sohn, eigentlich auch fast ein Rentner, möchte gern noch das Haus anschauen. Wir gehen zusammen eine Runde durchs Haus.

"Hier hat sich Nichts geändert. Sehr schön. Genau so, wie Vater es gebaut hat."

"Ins Kino kann ich leider nicht rein. Wir müssten Andrea fragen."

Die Runde ist recht lustig und die Geschichten stimmen mich trotzdem nachdenklich. 'Wie kann ein Mensch, nach so einem Grauen, so lustig davon erzählen.'

"Sie waren im Ort sehr beliebt unter uns Bergleuten. Wir haben ihnen Nichts getan", sagt Kurt.

Elias entkräftet etwas die Aussage. "Ein paar Verräter gab es schon in euren Reihen zu der Zeit."

Joana versucht mit der Frage: "Darf es noch Etwas sein?", einen Streit zu verhindern.

Das war nicht notwendig. Elias sagt, Kurt und seine Kollegen hätten dafür gesorgt, dass die ungeschoren weg kommen. Die Kneipe und das Kino waren sie trotzdem los. Auch die Wohnung samt Inhalt. Ihre Eltern haben es nicht geschafft. Sie wurden später gegriffen.

Wir gehen nicht genauer darauf ein.

Kurt möchte nach Hause. Der Abend ist so gut wie gelaufen. Die anderen Stammgäste verlassen uns auch gruppenweise. Es wird stiller. Ein Nachbar, der Krankenwagenfahrer, ist noch da. Seine Eltern kennen die Altwirte auch noch persönlich. Er soll sie recht lieb grüßen von den Vieren.

"Wir kommen bei Gelegenheit wieder", sagt Zine zu mir. Sie wirkt etwas abwesend. Der Sohn hat sich noch nicht vorgestellt. Seine Frau auch nicht. Sie stellen sich bestimmt das nächste Mal vor.

Joana sagt zu mir: "Das klingt nicht gut."

"Kommt Zeit, kommt Rat", antworte ich ihr.

Der Wandel

Über die Wochen entwickelt sich unser Betrieb immer besser. Der Straßenverkauf geht etwas zurück. Die Themen am Stammtisch drehen sich immer mehr um die Wiedervereinigung. Jeder prahlt am Stammtisch mit ein paar Westmark. Die Gäste erzählen sich untereinander, was sie von ihrem ersten Westgeld gekauft haben. Die Urlaubsplanungen unserer Stammgäste klingen für uns utopisch.

Für uns liegt erst Mal ein Besuch der Familienmitglieder an. Immerhin haben wir sie jahrelang nicht gesehen. Dazu wollen wir jetzt endlich Westgeld sehen. Es war einfach keine Zeit für einen Besuch.

Wir setzten uns in den Trabi und fahren los. Bewaffnet waren wir mit einer Landkarte der DDR. Selbst unser Land ist uns zu diesem Zeitpunkt, teilweise fremd. Es gibt sehr viele Gebiete, in denen wir noch nicht waren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei uns Leute gibt, denen es bei uns zu eng geworden sein soll. In unserer Familie leben Bauern, die selten über die Kreisgrenzen hinaus kommen. Eine Fahrt in den Nachbarbezirk oder gar in die CSSR, ist eine Weltreise für sie. Weite Reisen sind bei uns etwas für Prahler. Denen hören wir schon gern zu. Selten kommt der Wunsch auf, es ihnen gleich zu tun.

Erzählte ich ihnen etwas von der Sowjetunion, aus Sibirien, wo ich gearbeitet habe, wurden die Ohren spitz. Als Tourist sieht man sein Gastgeberland aus einem anderen Blickwinkel. Man sieht die Fassade. Nicht das soziale Leben der Gastgeber.

Wir fahren über die Autobahn. Es ist reichlich Betrieb. Unsere Volkspolizei steht überall. Sie führen emsig Geschwindigkeitskontrollen durch. An ihren Standorten, den Parkplätzen, befinden sich fast ausnahmslos Westautos mit Westnummern.

In der DDR gibt es für Vergehen im Verkehr, Stempel. Viel Spielraum hatten wir nicht. Beim fünften Stempel war Schluss mit Lustig. Mit Alkohol im Blut, egal in welcher Menge, war sofort Spazierengehen angesagt. Bei recht viel Alkohol, hatte der Betreffende auch genug Zeit, an unserem Aufbauprogramm teilzunehmen. Wir haben genug Plätze in der DDR, an denen Sand gesiebt oder Ziegel geformt werden können. Es gibt auch genug Waldschäden durch Stürme, die dringend beseitigt werden müssen. Zu guter Letzt, stehen uns auch reichlich Tagebaue zur Verfügung, in denen jede hilfreiche Hand benötigt wird. Das Betätigungsfeld für Sünder jeder Art ist praktisch endlos. Der Erziehungsprozess zu vollem Gehalt wirkte Wunder. Es gibt so gut wie keine Kriminalität.

Wir fahren an unseren Rastplätzen vorbei in Richtung Grenzübergang Vogtland. Die Autobahn ist in einem recht erträglichen Zustand. Teilweise neu gemacht mit Betonguss. Unser Trabi fährt einhundert und zehn Stundenkilometer. Die mit Bitumen gefüllten Stöße der Fahrbahnplatten stören uns kaum. Obwohl wir während der Fahrt, keinen Kaffee trinken können. Dafür haben wir angehalten. An uns rauschen gelegentlich große Westkutschen vorbei. Deren Scheiben sind teilweise abgedunkelt. Das erste Mal sehen wir eine Gesellschaftsschicht, die Angst hat vor der anderen. Und das ziemlich zahlreich. Wir kennen keine Autos mit schwarzen Scheiben. Kann man durch die Scheiben sehen? Oder, wollen die Nichts sehen?

Die kleine Reise sollte ziemlich interessant werden. Auf den paar Kilometern bis zur Grenze, dürfen wir sechs Unfälle registrieren. Das ist pro zehn Kilometer, einer. Wenn das der neue Durchschnitt wird, brauchen wir uns nicht wundern, dass deren Autoindustrie floriert. Die brauchen tatsächlich die vielen Autos, weil sie nicht fahren können.

An der Grenze stehen unsere Grenzer und winken uns freundlich durch. Auf der Gegenseite müssen wir uns schon ein paar Beleidigungen anhören.