Kh Beyer – Joana - deutsch (страница 5)
Bei uns treffen sich immer mehr junge Paare und junge Leute. Wir diskutieren über Partys, Konzerte, gemeinsame Abende und anstehende Feiern. Es entwickeln sich gute Freundschaften. Wir glauben das zumindest. Zwei der Paare wollen schließlich in den Westen und hatten einen Antrag zu laufen. Es kann also jeden Tag die Nachricht eintreffen, dass deren Ausreise genehmigt wird.
Die Schwester eines befreundeten Ehepaares hatte sich bereits verhurt im Westen und galt als deren Vorbild. Sie hat sich einem windigen Geschäftsmann geangelt und haut gewaltig auf die Welle. Eine alte Kollegin von Joana, auch eine Verkäuferin, war dadurch in den Verwandtschaftskreis dieser Dame geraten. Sie kommt mit ihrem Mann häufig zu uns. Er ist Hilfsarbeiter und Heizer. Ein gut bezahlter Beruf in der DDR. Man feiert praktisch, ein halbes Jahr lang, den endgültigen Abschied von der DDR. Von diesen Feiern lassen sich natürlich auch ein paar vereinzelte, trinkfeste Stammgäste anstecken. Die wollen plötzlich auch ausreisen. Die alten Bergmänner und Genossen an meinem Stammtisch winken ab: „Um die ist es nicht schade.“ Ein alter Lehrer sagt: „Das Ventil hätten wir eher öffnen sollen.“
In unserem Vereinszimmer, in dem mit dem Billard, treffen sich neuerdings zwei Züchtervereine. Der eine züchtet Rassekaninchen und die anderen sind eine Gartengemeinschaft. Viele oder gar alle Mitglieder dieser Vereine sind Mitglieder der Staatssicherheit. Sie haben zu mir entweder Vertrauen oder sie überwachen Teile meiner Kunden. Das erfahre ich leider erst zum Ende unserer Gaststätte. Die Mitarbeiter haben mir das erst gestanden, als es bereits zu spät war für die DDR.
Der wirklich rege Betrieb bescherte uns die Möglichkeit, ein gebrauchtes Auto kaufen zu können. Es war ein Trabant mit vergrößertem Tank, extra Geräuschdämmung zum Motorraum und einem Faltdach. Den bekam ich für runde zehntausend Mark. Ab jetzt war der Einkauf einfacher und zudem ein mancher Ausflug möglich. Endlich können wir mit Herbert und Brigitte zusammen, Ausflüge unternehmen. Die Zwei haben sich das wirklich verdient. Herbert wird Zusehens stolzer auf Joana und mich.
Es gibt einen Nachteil, den wir schnell abstellen wollen. Joana hatte noch keinen Führerschein. Sie kam nach ihrer Mutter. Die wollte keinen. Herbert hatte auch keinen. Es hat einige Zeit gedauert, Joana davon zu überzeugen, einen Führerschein zu erwerben.
Doch plötzlich stehen wir am Stammtisch, hören mit unseren Gästen Radio und hören von einem Zug aus Dresden in Richtung Prag. In Prag würden DDR Bürger begehren, in den Westen zu kommen. Kaum kommt die Nachricht im Radio, springen ein paar Stammgäste auf und wollen mit diesem Zug fahren oder zumindest, den Insassen zuwinken. Ich dachte, jetzt wäre ich endlich die problematischsten Trinker für immer los. Wenn die in den Westen gehen, müsste bei mir kein Volkspolizist mehr stehen und die Polizeistunde durchsetzen.
Die Freude war etwas zu früh. Am Tag darauf sind wieder Alle da. Ab dem Tag bestehe ich darauf, nicht mehr anzuschreiben. Die Anschreiber müssen sofort zahlen. Das wirke besser als die Revolution von 1917. Ab da, muss ich nie wieder einen Gast rausschmeißen. Disziplin zog ein.
Nach der Öffnung der Grenzen sterben mir viele Genossen weg. „Dafür haben wir jeden Samstag Subotniks gemacht?“ „Für diese Verräter?“ Das sind die Aussagen der Enttäuschten. Binnen drei Wochen sterben mir vier echte Genossen; Bergmänner der ersten Stunde. Beste Freunde. Ich kann zusehen, wie sie von ihren zwei Bier auf ein Bier und eine Limo und später, nur auf eine Limonade um bestellen. Kein Bier mehr, kein Schnäpschen. Schon am folgenden Tag kommen die Meldungen über deren Ableben. Der Schock ist überwältigend.
Plötzlich kommt die Meldung, die Grenze wäre offen. Man könnte in den Westen fahren und bekäme noch Geld dafür. Joana sagt mir, wir könnten ja unsere Verwandtschaft besuchen fahren. „An unserem Ruhetag, ja.“
Die Grenzöffnung
Unser Stammtisch ist leer. Zwei alte Bergmänner sitzen bei uns und wir reden von der offenen Grenze.
„Das bringt nichts Gutes!“, seufzt Kurt. „Ich muss da nicht hin. Die haben Angehörige meiner Familie jahrelang eingesperrt, weil sie Kommunisten waren.“
„Du bist doch gar kein Kommunist, Kurt.“
„Ich habe die Vereinigung mit der SPD nicht mit gemacht.“
„Ja. Aber Du bist ja Verfolgter des Naziregimes.“
„Mich graust bei der Vorstellung, die kommen jetzt ungestraft hier her.“
Joana hat Kurt einen Kirschlikör ausgegeben. Kurt trinkt keine harten Schnäpse. Er, mit seiner Bergmannslunge, kommt dabei fürchterlich ins Husten. Kurt hat mir immer seine Monatsration von Bergarbeiterschnaps verkauft. Ich habe den zu Kirschlikör gemacht. Schwarz. Das Zeug hat sich gut verkauft. Mitunter habe ich daraus mit Puddingpulver, Eierlikör hergestellt. Der verkaufte sich zeitweise, extrem gut in Schokobechern. Unsere Frauen waren verrückt nach diesem Gesöff. Viele Kollegen fragten mich neidvoll, woher ich die Schokobecher habe. Das war zeitweise Mangelware wegen der hohen Nachfrage. Jetzt, da Joana da ist, finde ich bisweilen die Zeit, ein paar Dutzend zu gießen.
In den kommenden drei Tagen konnten wir uns auf unseren Einzug konzentrieren. Andrea hat uns mit Jürgen zusammen, die Wohnung geräumt. Neben einem Bett, einem Schrank und dem Fernseher brauchten wir nicht viel für unsere erste gemeinsame Wohnung. Unser Leben spielte sich in den Gasträumen und beim Einkauf ab.
Zwischendurch fanden wir schon die Zeit, an unseren Ruhetagen im Sommer, baden zu gehen. Wie fast alle DDR Bürger, bevorzugten wir FKK. In unserer Nähe gab es reichlich Badeseen und Bäder mit diesem Angebot. Unser neues Auto war dafür das beste Bewegungsmittel.
Im Spätherbst fuhren wir eher in die CSSR, um uns da Dinge zu kaufen, die wir bei uns eher seltener fanden. Ölsardinen und Dorschleber sind bei uns Zweien eine beliebte Schmuggelware. Schon deshalb, weil wir die selbst gern essen. An Ruhetagen fahren wir nach Prag, in den Harz oder ins Erzgebirge.
Mit der Grenzöffnung ändert sich das. An den ersten drei bis vier Tagen gab es hundert kilometerlange Staus in Richtung Franken. Wir haben mit dem Ruhetag nach der Grenzöffnung das Glück, nicht endlos im Stau stehen zu müssen. Es liegt eine Woche dazwischen. Im Grunde wollen wir nur etwas Westgeld holen und dabei Land und Leute kennen lernen. An zwei Ruhetagen ist kaum mehr möglich. Bei uns am Stammtisch treffen schon die Ersten ein, die Drüben waren. Die Gesichter zeigen uns keine Begeisterung. Den Erzählungen nach, könnte das eher am Stau und den Warteschlangen vor den Geldausgabestellen gelegen haben. Das erste Mal in meinem Leben, höre ich, wie DDR Bürger, Ihresgleichen schlecht machten. Ein Tag und die Gesellschaft ist gespalten. Das setzte sich am Stammtisch rege fort. Wir werden neugierig, was es da zu sehen gibt, das so viel Streit auslöste.
Am Wochenende gibt es wieder eine Trauerfeier. Unser Nachbar wurde beerdigt. Er wurde keine siebzig Jahre. Seine Kinder leben im Westen. Sie sind zugegen.
„Wieso habt Ihr zwei Ruhetage? Unsere Gastwirte machen einen pro Woche.“
„Wir haben bei uns die Vierzig-Stunden-Woche. Sie nicht?“
Joana und ich sind schockiert von dieser Frechheit. Was glaubt dieser Trottel, wer er ist?
„Sind Gastwirte keine Menschen?“
Praktisch vergeht kaum ein Tag ohne Trauerfeier. Das wird langsam zu unserem Stammgeschäft. Trauerfeiern wurden in der DDR ziemlich üppig gefeiert. Wir haben den Hinterbliebenen unserer Stammgäste natürlich auch den gefüllten Umschlag gegeben. Damit wurde der Kauf des Grabsteines gestützt und ein angemessener Respekt bezeugt. Ich will jetzt nicht behaupten, dass ich als Gastwirt die helfende Hand des Abganges war. Obwohl mir manchmal der Verdacht unterlief. Auf alle Fälle, war ich der Ersatz für einen Pfarrer. Bei den Lebenden genauso, wie bei den Toten. Viele meiner Stammgäste bekamen am Stammtisch einen Platz nach ihrem Ableben. Ihre Bilder wurden langsam zu einer Galerie der Unvergessenen. Zwei meiner Stammgäste waren im Spanienkrieg. Andere an der Ostfront. Auf beiden Seiten. Und genau diese Bilder säumten meinen Stammtisch. In meinen Augen, ist das die Galerie von Helden. Die haben unser Land wieder aufgebaut und uns erzogen.
Immer öfter kommen Westautos. Vor allem, an Wochenenden. Meist sind es Familienangehörige von Ortsansässigen. Selbst ganze Familienfeiern werden in Osten verlegt. Das war billiger für die Westler, die uns abfällig als Ossis oder Zone bezeichneten. Bei den Tauschsätzen. Die haben praktisch für das eh preiswerte Bier, ein Viertel bezahlt. Es war damit billiger als sie und die Preise in ihren Kaufhallen. Büchsenbier war praktisch nur noch eine Geschenkgabe in den verhungerten Osten. Wir sammeln auch noch die leeren Büchsen. Damit werden wir schon zeitig zur Müllgrube des Westbesuchers. Die Sammelwut lässt blitzartig nach.
Mit den Westbesuchern kommen auch reichlich Leute mit Fotoapparaten. Als Hobbyfotograf wundere ich mich, warum die ausgerechnet Häuser und Motive wählen, die kaum einen Fotografen interessieren. Zu der Zeit, kostet ein entwickeltes Foto, zwei Mark. Und die Filme sind auch nicht gerade billig. Kurt gab mir mal den Hinweis. "Die haben hier zeitweise gewohnt. Die sind nach dem Krieg in den Westen gegangen."