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Kh Beyer – Joana - deutsch (страница 1)

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Kh Beyer

Joana - deutsch

Vorwort

Um wirklich Liebe empfinden, geben und empfangen zu dürfen, bedarf es meines Erachtens bestimmter Voraussetzungen.

Zunächst bedarf es eines Gesellschaftssystems, in welchem das menschliche Leben geachtet und geliebt wird.

Es bedarf eines Gesellschaftssystems, das frei ist von Existenzangst.

Es bedarf eines Erziehungswesens, in welchem das menschliche Miteinander und Füreinander an erster Stelle steht.

Es bedarf einer Gleichberechtigung und gegenseitigen Achtung.

Es bedarf der konsequenten Einsicht in die Verschiedenheit menschlicher Charaktere.

Es bedarf einer partnerschaftlichen Offenheit.

Es bedarf einer nicht übertriebenen, elterlichen Fürsorge.

Es bedarf der Verfügbarkeit von genügend persönlicher Freizeit in der Entwicklungsphase.

Das bisher einzige Gesellschaftssystem, das die meisten dieser Bedingungen für alle Gesellschaftsmitglieder anstrebt und erfüllt,

ist der Sozialismus.

KhBeyer

Der Roman ist eine Konstruktion

aus gesellschaftlichen Verhältnissen

und

ihre Auswirkung

auf das Zusammenleben

von Individuen.

Alle handelnden Personen,

Orte

und

Gegebenheiten

sind frei erfunden.

Die Basis des Romans sind Erlebnisberichte

Betroffener.

Der Beginn

Eine Selbstständigkeit in der DDR war eher für Personen geeignet, die gern etwas länger und intensiver arbeiten wollten als ihre Mitbürger. Das Konzept der DDR Führung war nicht unbegründet. Die freiwillige Mehrleistung des Unternehmers brachte neben Steuereinnahmen auch innovative Anregungen im Umgang mit schwer verkäuflichen Sortimenten. Bei diversen Handelsabkommen mit Freunden oder wichtigen Handelspartnern fielen bisweilen Produkte an, die in der DDR einfach keinen regen Absatz fanden.

Ein Gastwirt in der DDR hatte neben dem gastronomischen Auftrag, auch einen Handelsauftrag in Form von Straßenverkauf außerhalb der Ladenöffnungszeiten. Heute wird das entweder mit verlängerten Ladenöffnungszeiten oder mittels Tankstellen realisiert.

Der einfachste Weg, ein Gastwirt zu werden, war in der DDR der Weg über die Kommission. Der Betreffende konnte entweder bei der HO oder beim KONSUM, Kommissionär werden. HO und KONSUM waren die beiden führenden Handelsorganisationen der DDR. Mit welchem Partner der zukünftige Gastwirt ein Geschäft eröffnete, hing meist mit der Lage des Betriebes zusammen. KONSUM war eher eine ländliche Handelsgenossenschaft, während sich die HO auf Städte konzentrierte.

Unausgebildet, konnte kein Bewerber in der DDR, Gastwirt werden. Ein Meisterzeugnis erleichterte den Wunsch ungemein.

In meiner Gaststätte gab es nur einen Arbeiter. Das war ich selbst. Ich tat es als Koch genauso wie als Barmann, Verkäufer und Bedienung. Selbst die Reinigung des Betriebes war meine persönliche Aufgabe. Ich war sozusagen, ein Einpersonenunternehmen.

Meine Gasträume boten Platz für einhundert Gäste. Zu DDR Zeiten. Das heißt, unsere Gaststätten wurden auch rege besucht. Nicht wie im Westen, wo selbst der Konsum von zehn Bieren, die Haushaltskasse ins Wanken bringt. Genau aus dem Grund, konnten wir in der DDR, täglich oder fast täglich, unsere zahlreichen Stammkunden bedienen. In dem Zusammenhang bildeten sich familienähnliche Verhältnisse. Bei Reparaturen oder sonstigen Schwierigkeiten, musste ein Gastwirt nicht zu lange suchen. Die Abhilfe war praktisch unter seinen Stammgästen zu finden.

Der Gastwirt des Ortes war Bestandteil des Ortes; aber auch seine Nachrichtenzentrale. Neben dem Frisör, dem Fleischer, Lebensmittelhändler und Bäcker, war der Gastwirt ein Nachrichtenportal. Heute fällt diese Aufgabe dem Internet zu.

Mit dem Wunsch, Gastwirt zu werden, verfolgte ich die Familientradition meiner Eltern. Das Leben in diesem Umfeld gefiel mir und bot sehr viel Raum für kreative Ansätze. Daneben war der Bekannten – und Freundeskreis ungeheuer groß. Genau dieses Leben passte sehr gut zur Philosophie der DDR Staatsführung. Arbeit mit und für den Menschen. Die DDR Gastwirte waren sozusagen, mitunter auch ungewollt, Vollstrecker des sozialistischen Gedankens im Sinne der Arbeiter- und Bauernmacht.

Die Gesetze und deren wirksame Kontrolle, verhinderten Betrug und Missbrauch von Geschäften. Mit einer wirkungsvollen Steuergesetzgebung wurden private Bereicherungen eingeschränkt und ein gesellschaftlicher Nutzen aus dem Engagement gewonnen. Die gesellschaftliche Anerkennung des Berufes Gastwirt war sehr hoch.

Die DDR hatte einer der größten gesellschaftlichen Errungenschaften, der Preisbindung, den Vorrang gegeben. Sämtliche Bewerber auf dem Markt hatten nur eine Art der Konkurrenz: Die Qualität ihrer Produkte. Es gab keinen Preiskampf, keine Ausbeutung deswegen und eine ziemlich wirkungsvolle Planpolitik. Kein Händler konnte zu Lasten seiner Konkurrenz, mehr verkaufen als der Plan für ihn vorsah. Er konnte das nur mittels besserer Qualität, Kreativität und einem allmählichen, planvollen Wachstum im Rahmen gesamtstaatlicher Vorgaben. Eine Gesellschaft, ein Wachstum zusammen.

Selbst der gemeine Beschiss zu Lasten der Kunden, wurde ziemlich wirkungsvoll verhindert. Die festen Preise erforderten auch deren Einhaltung. Gastronomen denken jetzt, sie hätten da genug Spielraum. Irrtum. Der Spielraum war gesetzlich vorgeschrieben. Selbst der Gewichtsverlust durch Schälen und Garen, war erprobt und vorgeschrieben. Dafür gab es Tabellen.

Sämtliche Speisen und Getränke, insbesondere Mixgetränke, sollten kalkuliert werden. Dabei wurde für zehn Portionen kalkuliert; auf den Zehntel Pfennig genau. Ein Rundungsfehler konnte bei einer Prüfung empfindliche Bußgelder auslösen. Die wurden auf zwei Jahre zurück berechnet. Ich habe mich auch mal um einen halben Pfennig verrechnet. Dabei rundete ich die sechste Stelle nach dem Komma falsch. Der halbe Pfennig kostete mich nach einer Betriebsprüfung den Monatslohn eines Dreischichtarbeiters.

Selbstverständlich gab es Kollegen, die beim Umgang mit Zahlen ein paar Probleme hatten. Für die wurden alle Kalkulationen fertig in einem Register angelegt. Das konnte man sich kaufen oder bei Kollegen, abschreiben. Heute gibt es Gastwirte, Bedienungen und Barhilfen, die ohne einem Abrechnungsprogramm in der Kasse, nicht in der Lage wären, eine korrekte Rechnung auszustellen. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied. Die Kalkulationsblätter waren auch gleichzeitig Ratgeber bei der Menügestaltung. Man setzte auf das Baukastenprinzip. Beilagen, Saucen, Fleischgerichte, Desserts und so weiter; alles war einzeln für jede Garmethode aufgeführt. Der Westen braucht dafür noch hundert Jahre.

Im Ort sprach sich schnell herum, dass ich die Gaststätte allein betreibe. Unter meinen Gästen waren schnell Frauen und Männer, die mir Hilfe anboten. Natürlich gegen ein kleines Entgelt.

In der DDR gab es dafür ein Pauschalsystem. Auf diesen Lohn, der nur mit fünf Prozent besteuert wurde, waren viele fleißige DDR Bürger verrückt.

Auf die Art, konnte ich mir gelegentlich eine Putzhilfe leisten. Die freie Zeit nutzte ich für Einkäufe oder für die Verbesserung meiner Gaststätte.

Die einzige Reinigungsarbeit, die an mir permanent hängen blieb, war die Toilettenreinigung. Bei den Mengen Alkohol, die wir unseren Gästen verkauften, kann sich Jeder gut vorstellen, wie die Toiletten am Abend aussahen. Seien Sie gewiss, schon in den ersten zwei Monaten lernte ich nahezu jeden menschlichen Charakter kennen, den eine Gesellschaft zu bieten hat.

Meine jugendlichen und gleichaltrigen Freunde feierten regelmäßig Partys bei mir. Oft kamen Angebote von jungen Frauen und Kolleginnen, mir helfen zu wollen. Das Ganze hatte aber einen Nachteil. Sobald meine Freunde zum Feiern kamen, blieb auch meine Kehle nicht trocken. Meine Mutter, eine gestandene Gastwirtin, empfahl mir, keinen Alkohol mit zu trinken. Dafür habe ich mir dann Flaschen mit Saft oder Tee gefüllt. Diese Getränke mussten dem entsprechenden alkoholischen Getränk, farblich ähneln. In der DDR gab es Sorten aus Rumänien und Bulgarien, die nie von einem Gast verlangt wurden. Genau in so eine Flasche füllte ich die Nachahmung. Etwas Alkohol musste trotzdem rein in das Getränk. Viele meiner Gäste rochen an den Flaschen. Sie hatten die Absicht, mich nachhaltig einzuseifen, um sich diese oder jene Rechnung zu sparen. Andere, vor allem die Stammtischbesucher, versuchten das mit Einzelbestellungen. Damit wollten sie mich provozierend in Stress versetzen in der Absicht, keinen Strich auf den Deckel zu bekommen.

Zu diesen Zeiten wurden die Rechnungen auf dem Bierdeckel erfasst. Ein Bier war ein Strich, für Speisen schrieb ich den Preis und für Schnäpse, ein Kürzel. Die Deckel wurden manchmal weich vom übergetretenen Bierschaum. Bestimmte Gäste versuchten dann, den einen oder anderen Strich zu löschen. Der Gastwirt brauchte also auch ein ungeheuer funktionierendes Gedächtnis. Das Training des ersten Jahres war ganz sicher nicht verlustfrei. Verluste musste der Wirt ausgleichen.

Genau das war aber in der DDR fast ein Kinderspiel. Warum? Der DDR Gastwirt lebte vom Trinkgeld. Nicht von seinem Lohn oder den Prozenten. Mein Lohn für meine Arbeit betrug in etwa eintausend Mark pro Monat.