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Томас Манн – Der Zauberberg / Волшебная гора (страница 9)

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Die Atmosphäre der großen Meerstadt, diese feuchte Atmosphäre aus Weltkrämertum und Wohlleben, die seiner Väter Lebensluft gewesen war, er atmete sie mit tiefem Einverständnis, mit Selbstverständlichkeit und gutem Behagen. Die Ausdünstungen von Wasser, Kohlen und Teer, die scharfen Gerüche gehäufter Kolonialwaren in der Nase, sah er an den Hafenkais ungeheure Dampfdrehkrane die Ruhe, Intelligenz und Riesenkraft dienender Elefanten nachahmen, indem sie Tonnengewichte von Säcken, Ballen, Kisten, Fässern und Ballons aus den Bäuchen ruhender Seeschiffe in Eisenbahnwagen und Schuppen löschten. Er sah die Kaufmannschaft in gelben Gummimänteln, wie er selbst einen trug, um Mittag zur Börse strömen, woselbst es scharf herging, seines Wissens, und jemand ganz leicht Veranlassung bekommen konnte, in aller Eile Einladungen zu einem großen Diner zu verschicken, um seinen Kredit zu fristen. Er sah (und hier lag ja später sein besonderes Interessengebiet) das Gewimmel der Werften, sah die Mammutleiber gedockter Asien- und Afrikafahrer, turmhoch, Kiel und Propeller entblößt, von baumdicken Streben gestützt, in ihrer monströsen Unbehilflichkeit auf dem Trockenen, bedeckt mit zwerghaften Heeren scheuernder, hämmernder, tünchender Arbeiter; sah auf den überdachten Hellings, von rauchigem Nebel umsponnen, die Spantenskelette entstehender Schiffe ragen und Ingenieure, Konstruktionszeichnung und Lenztafel zur Hand, den Bauleuten ihre Weisungen geben, – vertraute Gesichte dies alles für Hans Castorp von Jugend auf und lauter Empfindungen gemütlich-heimatlicher Zugehörigkeit in ihm erweckend, Empfindungen, die ihren Höhepunkt etwa in jener Lebenslage fanden, wenn er Sonntagvormittags mit James Tienappel oder seinem Vetter Ziemßen – Joachim Ziemßen – im Alsterpavillon warme Rundstücke mit Rauchfleisch nebst einem Glase alten Portweins frühstückte, und sich danach, mit Hingebung an seiner Zigarre ziehend, im Stuhle zurücklehnte. Denn namentlich darin war er echt, daß er gern gut lebte, ja, seines dünnblütig verfeinerten Äußern ungeachtet, innig und fest, wie ein schwelgerischer Säugling an der Mutterbrust, an des Lebens derben Genüssen hing.

Bequem und nicht ohne Würde trug er auf seinen Schultern die hohe Zivilisation, welche die herrschende Oberschicht der handeltreibenden Stadtdemokratie ihren Kindern vererbt. Er war so gut gebadet wie ein Baby und ließ sich von jenem Schneider kleiden, der das Vertrauen der jungen Leute seiner Sphäre besaß. Der kleine, sorgfältig gezeichnete Wäscheschatz, den die englischen Züge seines Schrankes bargen, ward von Schalleen aufs beste betreut; noch als Hans Castorp auswärts studierte, schickte er ihn regelmäßig zur Reinigung und Ausbesserung nach Hause (denn seine Maxime war, daß man außer in Hamburg im Reiche nicht zu bügeln verstehe), und eine aufgerauhte Stelle an der Manschette eines seiner hübschen farbigen Hemden hätte ihn mit heftigem Unbehagen erfüllt. Seine Hände, obgleich nicht sonderlich aristokratisch in der Form, waren gepflegt und frisch von Haut, mit einem Kettenring aus Platin und dem großväterlichen Erbsiegelring geschmückt, und seine Zähne, die etwas weich waren und mehrfach Schaden gelitten hatten, mit Gold ergänzt.

Im Stehen und Gehen schob er den Unterleib etwas vor, was einen nicht eben strammen Eindruck machte; aber seine Haltung bei Tische war ausgezeichnet. Er wandte den aufrechten Oberkörper höflich dem Nachbarn zu, mit dem er plauderte (verständig und etwas platt), und seine Ellenbogen lagen leicht an, während er sein Stück Geflügel zerlegte oder geschickt mit dem dazu bestimmten Tafelgerät das rosige Fleisch aus einer Hummerschere zog. Sein erstes Bedürfnis nach beendeter Mahlzeit war die Fingerschale mit parfümiertem Wasser, das zweite die russische Zigarette, die unverzollt war, und die er unterderhand, auf dem Wege gemütlicher Durchstecherei bezog. Sie ging der Zigarre voran, einer sehr schmackhaften Bremer Marke namens Maria Mancini, von der noch die Rede sein wird, und deren würzige Gifte sich so befriedigend mit denen des Kaffees vereinigten. Hans Castorp entzog seine Tabakvorräte den schädlichen Einflüssen der Dampfheizung, indem er sie im Keller aufbewahrte, wohin er jeden Morgen hinabstieg, um seinem Etui den Tagesbedarf einzuverleiben. Nur widerstrebend hätte er Butter gegessen, die ihm in einem Stück und nicht vielmehr in Form geriefelter Kügelchen vorgesetzt worden wäre.

Man sieht, daß wir darauf denken, alles zu sagen, was für ihn einnehmen kann, aber wir beurteilen ihn ohne Überschwang und machen ihn weder besser noch schlechter, als er war. Hans Castorp war weder ein Genie noch ein Dummkopf, und wenn wir das Wort »mittelmäßig« zu seiner Kennzeichnung vermeiden, so geschieht es aus Gründen, die nicht mit seiner Intelligenz und kaum etwas mit seiner schlichten Person überhaupt zu tun haben, nämlich aus Achtung vor seinem Schicksal, dem wir eine gewisse überpersönliche Bedeutung zuzuschreiben geneigt sind. Sein Kopf genügte den Anforderungen des Realgymnasiums, ohne sich überanstrengen zu müssen, – aber dies zu tun, wäre er auch ganz bestimmt unter keinen Umständen und um keines Gegenstandes willen geneigt gewesen: weniger aus Furcht, sich weh zu tun, als weil er unbedingt keinen Grund dazu sah oder, richtiger gesagt: keinen unbedingten Grund; und eben darum vielleicht mögen wir ihn nicht mittelmäßig nennen, weil er das Fehlen solcher Gründe auf irgendeine Weise empfand.

Der Mensch lebt nicht nur sein persönliches Leben als Einzelwesen, sondern, bewußt oder unbewußt, auch das seiner Epoche und Zeitgenossenschaft, und sollte er die allgemeinen und unpersönlichen Grundlagen seiner Existenz auch als unbedingt gegeben und selbstverständlich betrachten und von dem Einfall, Kritik daran zu üben, so weit entfernt sein, wie der gute Hans Castorp es wirklich war, so ist doch sehr wohl möglich, daß er sein sittliches Wohlbefinden durch ihre Mängel vage beeinträchtigt fühlt. Dem einzelnen Menschen mögen mancherlei persönliche Ziele, Zwecke, Hoffnungen, Aussichten vor Augen schweben, aus denen er den Impuls zu hoher Anstrengung und Tätigkeit schöpft; wenn das Unpersönliche um ihn her, die Zeit selbst der Hoffnungen und Aussichten bei aller äußeren Regsamkeit im Grunde entbehrt, wenn sie sich ihm als hoffnungslos, aussichtslos und ratlos heimlich zu erkennen gibt und der bewußt oder unbewußt gestellten, aber doch irgendwie gestellten Frage nach einem letzten, mehr als persönlichen, unbedingten Sinn aller Anstrengung und Tätigkeit ein hohles Schweigen entgegensetzt, so wird gerade in Fällen redlicheren Menschentums eine gewisse lähmende Wirkung solches Sachverhalts fast unausbleiblich sein, die sich auf dem Wege über das Seelisch-Sittliche geradezu auf das physische und organische Teil des Individuums erstrecken mag. Zu bedeutender, das Maß des schlechthin Gebotenen überschreitender Leistung aufgelegt zu sein, ohne daß die Zeit auf die Frage Wozu? eine befriedigende Antwort wüßte, dazu gehört entweder eine sittliche Einsamkeit und Unmittelbarkeit, die selten vorkommt und heroischer Natur ist, oder eine sehr robuste Vitalität. Weder das eine noch das andere war Hans Castorps Fall, und so war er denn doch wohl mittelmäßig, wenn auch in einem recht ehrenwerten Sinn.

Wir haben hier nicht nur von des jungen Mannes innerem Verhalten während seiner Schulzeit, sondern auch von den darauffolgenden Jahren gesprochen, als er seinen bürgerlichen Beruf schon gewählt hatte. Was seine Laufbahn durch die Klassen betraf, so mußte er die eine und andere davon sogar repetieren. Im ganzen aber halfen seine Herkunft, die Urbanität seiner Sitten und schließlich auch eine hübsche, wenn auch leidenschaftslose Begabung für Mathematik ihm vorwärts, und als er das Einjährigenzeugnis hatte, beschloß er, die Schule durchzumachen, – hauptsächlich, die Wahrheit zu sagen, weil damit ein gewohnter, vorläufiger und unentschiedener Zustand verlängert und Zeit zu der Überlegung gewonnen wurde, was denn Hans Castorp am liebsten werden wollte, denn das wußte er lange nicht recht, wußte es auch in der obersten Klasse noch nicht, und als es sich dann entschied (daß nämlich er sich entschieden hätte, wäre beinah schon zu viel gesagt), fühlte er wohl, daß es sich ebensogut anders hätte entscheiden können.

Aber so viel war ja richtig, daß er an Schiffen immer großes Vergnügen gehabt hatte. Als kleiner Junge hatte er die Blätter seiner Notizbücher mit Bleistiftzeichnungen von Fischerkuttern, Gemüseevern und Fünfmastern gefüllt, und als er mit fünfzehn Jahren von einem bevorzugten Platze aus hatte zusehen dürfen, wie der neue Doppelschrauben-Postdampfer »Hansa« bei Blohm & Voß vom Stapel lief, da hatte er in Wasserfarben ein wohlgetroffenes und bis weit ins Einzelne genaues Bildnis des schlanken Schiffes ausgeführt, das Konsul Tienappel in sein Privatkontor gehängt hatte, und auf dem namentlich das transparente Glasgrün der rollenden See so liebevoll und geschickt behandelt war, daß irgend jemand zu Konsul Tienappel gesagt hatte, das sei Talent, und daraus könne ein guter Marinemaler werden, – eine Äußerung, die der Konsul seinem Pflegesohn ruhig wiedererzählen konnte, denn Hans Castorp lachte bloß gutmütig darüber und ließ sich auf Überspanntheiten und Hungerleiderideen auch nicht einen Augenblick ein.