Томас Манн – Der Zauberberg / Волшебная гора (страница 10)
»Viel hast du nicht«, sagte sein Onkel Tienappel manchmal zu ihm. »Mein Geld bekommen im wesentlichen mal James und Peter, das heißt, es bleibt im Geschäft, und Peter bezieht seine Rente. Was dir gehört, liegt ja ganz gut und trägt dir was Sicheres. Aber von Zinsen zu leben, dabei ist heutzutage kein Spaß mehr, wenn man nicht wenigstens fünfmal so viel hat, wie du, und wenn du was vorstellen willst hier in der Stadt und leben wie du’s gewohnt bist, dann mußt du ordentlich zuverdienen, das merk’ du lieber, min Söhn.«
Hans Castorp merkte es sich und sah sich nach einem Berufe um, mit dem er vor sich selbst und den Leuten bestehen könnte. Und als er einmal gewählt hatte – es geschah auf Anregung des alten Wilms, in Firma Tunder & Wilms, der nämlich am sonnabendlichen Whisttisch zu Konsul Tienappel sagte, Hans Castorp solle doch Schiffbau studieren, das sei eine Idee, und bei ihm eintreten, dann wolle er wohl auf den Jungen ein Auge haben —, da dachte er sehr hoch von seinem Beruf und fand, daß es zwar ein verdammt komplizierter und anstrengender, dafür aber auch ein ausgezeichneter, wichtiger und großartiger Beruf sei und für seine friedliche Person jedenfalls bei weitem dem seines Vetters Ziemßen vorzuziehen, Stiefschwestersohns seiner seligen Mutter, der durchaus Offizier werden wollte. Dabei war Joachim Ziemßen nicht mal ganz fest auf der Brust, aber eben darum mochte ein Freiluft-Beruf, bei dem von geistiger Arbeit und Anspannung kaum ernstlich die Rede sein konnte, denn wohl das richtige für ihn sein, wie Hans Castorp mit leichter Geringschätzung urteilte. Denn vor der Arbeit hatte er den allergrößten Respekt, obwohl ihn persönlich die Arbeit ja leicht ermüdete.
Wir kommen hier auf unsere Andeutungen von früher zurück, die nämlich auf die Vermutung zielten, daß Beeinträchtigungen des persönlichen Lebens durch die Zeit geradezu den physischen Organismus des Menschen zu beeinflussen vermöchten. Wie hätte Hans Castorp die Arbeit nicht achten sollen? Es wäre unnatürlich gewesen. Wie alles lag, mußte sie ihm als das unbedingt Achtungswertste gelten, es gab im Grunde nichts Achtenswertes außer ihr, sie war das Prinzip, vor dem man bestand oder nicht bestand, das Absolutum der Zeit, sie beantwortete sozusagen sich selbst. Seine Achtung vor ihr war also religiöser und, so viel er wußte, unzweifelhafter Natur. Aber eine andere Frage war, ob er sie liebte; denn das konnte er nicht, so sehr er sie achtete, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie ihm nicht bekam. Angestrengte Arbeit zerrte an seinen Nerven, sie erschöpfte ihn bald, und ganz offen gab er zu, daß er eigentlich viel mehr die freie Zeit liebe, die unbeschwerte, an der nicht die Bleigewichte der Mühsal hingen, die Zeit, die offen vor einem gelegen hätte, nicht abgeteilt von zähneknirschend zu überwindenden Hindernissen. Dieser Widerstreit in seinem Verhältnis zur Arbeit bedürfte genau genommen der Auflösung. War es möglicherweise so, daß sein Körper sowohl wie sein Geist – zuerst der Geist und durch ihn auch der Körper – zur Arbeit freudiger und nachhaltiger willig gewesen wäre, wenn er im Grunde seiner Seele, dort, wo er selbst nicht Bescheid wußte, an die Arbeit als unbedingten Wert und sich selbst beantwortendes Prinzip zu glauben und sich dabei zu beruhigen vermocht hätte? Es wird damit wieder die Frage seiner Mittelmäßigkeit oder Mehr-als-Mittelmäßigkeit aufgeworfen, die wir nicht bündig beantworten wollen. Denn wir betrachten uns nicht als Hans Castorps Lobredner und lassen der Vermutung Raum, daß die Arbeit in seinem Leben einfach dem ungetrübten Genuß von Maria Mancini etwas im Wege war.
Zum militärischen Dienst wurde er seinerseits nicht herangezogen. Seine innere Natur widerstrebte dem und wußte es zu verhindern. Auch mochte wohl sein, daß Stabsarzt Dr. Eberding, der am Harvestehuder Weg verkehrte, von Konsul Tienappel gesprächsweise gehört hatte, daß der junge Castorp in der Nötigung sich zu bewaffnen eine empfindliche Störung seiner soeben auswärts begonnenen Studien erblicken würde.
Sein Kopf, der langsam und gelassen arbeitete, zumal Hans Castorp die beruhigende Gewohnheit des Porterfrühstücks auch auswärts beibehielt, füllte sich mit analytischer Geometrie, Differentialrechnung, Mechanik, Projektionslehre und Graphostatik, er berechnete geladenes und ungeladenes Deplacement, Stabilität, Trimmverlagerung und Metazentrum, wenn es ihm zuweilen auch sauer wurde. Seine technischen Zeichnungen, diese Spanten-, Wasserlinien- und Längsrisse, waren nicht ganz so gut, wie seine malerische Darstellung der »Hansa« auf hoher See, aber wo es galt, die geistige Anschaulichkeit durch die sinnliche zu unterstützen, Schatten zu tuschen und Querschnitte in munteren Materialfarben anzulegen, tat Hans Castorp es an Geschicklichkeit den meisten zuvor.
Wenn er in den Ferien nach Hause kam, sehr sauber, sehr gut angezogen, mit einem kleinen rotblonden Schnurrbart in seinem schläfrigen jungen Patriziergesicht und offenbar auf dem Wege zu ansehnlichen Lebensstellungen, so sahen die Leute, die sich mit kommunalen Dingen befaßten, auch mit Familien- und Personalverhältnissen gut Bescheid wußten – und das tun die meisten in einem sich selbst regierenden Stadtstaat —, so sahen seine Mitbürger ihn prüfend an, indem sie sich fragten, in welche öffentliche Rolle der junge Castorp wohl einmal hineinwachsen werde. Er hatte ja Überlieferungen, sein Name war alt und gut, und eines Tages, das konnte beinahe nicht fehlen, würde man mit seiner Person als mit einem politischen Faktor zu rechnen haben. Er würde dann in der Bürgerschaft oder dem Bürgerausschuß sitzen und Gesetze machen, würde im Ehrenamt an den Sorgen der Souveränität teilnehmen, einer Verwaltungsabteilung, der Finanzdeputation vielleicht oder der für das Bauwesen angehören, und seine Stimme würde gehört und mitgezählt werden. Man konnte neugierig sein, wie er wohl einmal Partei bekennen würde, der junge Castorp. Äußerlichkeiten mochten täuschen, aber eigentlich sah er ganz so aus, wie man
Als er die Reise antrat, auf der wir ihn betrafen, stand er im dreiundzwanzigsten Lebensjahr. Damals hatte er vier Semester Studienzeit am Danziger Polytechnikum hinter sich und vier weitere, die er auf den Technischen Hochschulen von Braunschweig und Karlsruhe verbracht hatte, war kürzlich ohne Glanz und Orchestertusch, aber mit gutem Anstande aus der ersten Hauptprüfung gestiegen und schickte sich an, bei Tunder & Wilms als Ingenieur-Volontär einzutreten, um auf der Werft seine praktische Ausbildung zu empfangen. An diesem Punkt nahm sein Weg nun erst einmal folgende Wendung.
Zur Hauptprüfung hatte er scharf und anhaltend arbeiten müssen und sah, als er heimkam, denn doch noch matter aus, als es zu seinem Typus paßte. Dr. Heidekind schalt, so oft er ihn sah, und forderte Luftveränderung, das heißt: eine gründliche. Mit Norderney oder Wyk auf Föhr, sagte er, sei es dieses Mal nicht getan, und wenn man ihn frage, so gehörte Hans Castorp, bevor er auf die Werft gehe, für ein paar Wochen ins Hochgebirge.
Das sei ganz gut, sagte Konsul Tienappel zu seinem Neffen und Pflegesohn, aber dann trennten sich diesen Sommer ihre Wege, denn ihn, Konsul Tienappel, bekämen ins Hochgebirge keine vier Pferde. Das sei nichts für ihn, er brauche einen vernünftigen Luftdruck, sonst kriege er Zufälle. Ins Hochgebirge solle Hans Castorp nur freundlichst alleine reisen. Er solle doch Joachim Ziemßen besuchen.
Das war ein natürlicher Vorschlag. Joachim Ziemßen nämlich war krank, – nicht krank wie Hans Castorp, sondern auf wirklich mißliche Weise krank, es war sogar ein großer Schrecken gewesen. Schon immer hatte er zu Katarrh und Fieber geneigt, und eines Tages war richtig auch roter Auswurf dagewesen, und Hals über Kopf hatte Joachim nach Davos gehen müssen, zu seinem größten Leidwesen und Kummer, denn eben stand er am Ziel seiner Wünsche. Ein paar Semester lang hatte er nach dem Willen der Seinen Jurisprudenz studiert, aber aus unwiderstehlichem Drange hatte er umgesattelt und sich als Fahnenjunker gemeldet und war auch schon angenommen. Und nun saß er seit über fünf Monaten im Internationalen Sanatorium »Berghof« (dirigierender Arzt: Hofrat Dr. Behrens) und langweilte sich halb zu Tode, wie er auf Postkarten schrieb. Wenn also Hans Castorp denn schon eine Kleinigkeit für sich tun wollte, bevor er bei Tunder & Wilms seinen Posten antrat, so lag nichts näher, als daß er auch dort hinauf fuhr, um seinem armen Cousin Gesellschaft zu leisten, – für beide Teile war es das angenehmste.