Бернгард Келлерман – Тотеnтаnz / Пляска смерти. Книга для чтения на немецком языке (страница 16)
Bürgermeister Taubenhaus war ganz Würde. Gekleidet in einen schwarzen Gehrock, hatte er halblanges, wie schwarze Borsten emporstehendes Haar und ein gestutztes schwarzes Schnurrbärtchen unter den Nasenlöchern, das an zwei Rußflecke erinnerte.
Er trug eine goldene Brille, die beim Sprechen lebhaft funkelte. Im Knopfloch war das Parteiabzeichen zu sehen, und auf der Brust seines Gehrocks gewahrte man eine Ordensschnalle, an der die Miniaturausgaben von mehreren Auszeichnungen hingen. Im Laufe der Besprechung konstatierte Fabian, dass es sich um recht alltägliche Auszeichnungen handelte, einfaches Blech, wie es jeder Offizier besaß.
Der neue Bürgermeister hatte eine volle und tiefe Stimme, die zuweilen etwas scharf und knarrend klang und preußischen Tonfall verriet. Er sprach rasch und mit einer Gewandtheit, die Fabian oft bei Leuten gefunden hatte, die sich nicht durch besonderen Reichtum an Gedanken auszeichneten.
Zuerst tauschten sie Erlebnisse aus dem Weltkrieg aus, und es fand sich, dass sie beide längere Zeit im Argonner Wald gelegen hatten. Seht an! Fabian stieg augenblicklich in der Achtung von Taubenhaus, weil er das «Storchennes». im Argonner Wald kannte.
«Das Storchennest[50]». rief Taubenhaus erfreut aus. «Ich habe das „Storchennest“ für schwere Minenwerfer ausgebaut».
«Ich bediente die schweren Minenwerfer im „Storchennest», sagte Fabian.
«Ist es möglich? Im „Storchennest“». lachte Taubenhaus, der nur selten lachte, und eine ganze Weile sprachen sie nur vom «Storchennes»..
«Eine böse Ecke, der Argonner Wald». rief Taubenhaus aus. «Also das „Storchennest“ kennen Sie auch, seht an? Eine vortreffliche Schule für den Soldaten, der Argonner Wald! Nu», fügte er mit einem bösen Funkeln der goldenen Brille hinzu, «mit dem schamlosen Friedensvertrag von Versailles hat es ja von jetzt an, Gott sei Dank, ein Ende! Ich bin überzeugt, dass die Engländer und Franzosen jeden Groschen wieder ausspucken müssen und noch einige Groschen dazu! Dafür werden wir schon sorgen, nicht wahr».
Endlich begannen sie von ihrem eigentlichen Thema zu sprechen. Taubenhaus berichtete, dass er aus einer kleinen Stadt in Pommern käme, wo die «Gänse und Ziegen auf dem Marktplatz herumliefe».. Das waren seine eigenen Worte. An maßgebender Stelle habe man auch sofort erkannt, dass das nicht der Ort war, wo er seine Fähigkeiten entfalten konnte, und ihm diese herrliche Stadt anvertraut.
Natürlich müsse er sich hier erst einleben, fuhr Taubenhaus fort, die Stadt, ihre Bürger, die sozialen Verhältnisse genau kennenlernen, ehe er mit der Arbeit des Aufbaus beginnen könne. Das werde natürlich eine wahre Herkulesarbeit werden, alle Wetter!
«Sehen Sie sich nur einmal das Pflaster an». rief Taubenhaus aus, und seine goldene Brille funkelte. «Ein Pflaster wie in einem Bauerndorf, bucklig und krumm, kein Stein dem anderen gleich, keine Linie gerade, eine Affenschande. Gleich am Bahnhofsplatz fiel mir das fürchterliche Pflaster auf. Und diese winkligen Gassen in der Altstadt mit ihren armseligen Häusern, die noch aus dem Mittelalter stammen, ohne alle hygienischen Einrichtungen. Es gibt Leute, die für die alten Giebel schwärmen, aber ich sage mir, fort mit dem alten Gerumpel».
Taubenhaus richtete sich auf und strich seine Weste glatt. Er hatte sich warm geredet, und seine Haltung verriet großes Selbstbewusstsein. «In wenigen Monate», fuhr er fort und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, «wird diese Stadt zu den bestverwalteten Städten unseres geliebten Vaterlandes zählen, das kann ich Ihnen schriftlich geben». Fabian nickte voller Überzeugung, als zweifle er nicht einen Augenblick daran.
Ermutigt entwickelte Taubenhaus sein Programm und seine Pläne. Die goldene Brille funkelte, und häufig schlug er mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. Man hatte ihm diese herrliche Stadt anvertraut, und, beim Himmel, man sollte es nicht zu bereuen haben! «Die Stadt sollte die schönste im Kranze der deutschen Städte werden». rief er aus. «Eine Musik- und Theaterstadt soll sie werden, etwa wie München, eine Kunststadt, etwa wie Düsseldorf, kurz, alle Künste sollen erblühen, und dabei will ich den Wohlstand nach Möglichkeit heben. Die Bürgerschaft soll zur wahren Vaterlandsliebe und zu echtem Opfersinn erzogen werden, zur wahren Volksgemeinschaft. Es soll eine Stadt werden, in der zu leben man uns beneiden soll! Verstehen Sie mich».
Fabian nickte. Etwas viel auf einmal, dachte er. Es ist der Geist der Partei, dem nichts unmöglich erscheint! Er setzt sich das Unmögliche zum Ziel, um das Mögliche zu erreichen. «Ich glaube, Sie zu verstehe», entgegnete er. «Wenn man die Fähigkeit besitzt, die geistigen und seelischen Motoren der Stadt anzuwerfen, so ist die ungeheure Aufgabe möglich».
«Die geistigen und seelischen Motoren der Stadt». rief Taubenhaus begeistert aus. «Ein herrliches Wort! Ich sehe, dass Sie mich verstanden haben. Sie bezeichnen die Aufgabe selbst als ungeheuer, sie ist gewiss kein Kinderspiel. Nun ist es ja natürlich, dass ich mir dazu Mitarbeiter heranziehen muss, aufgeklärte, tüchtige Kräfte, wie sie sich mir bieten und wie ich sie im Laufe meiner Tätigkeit zu entdecken hoffe. Ich gestehe ganz offen, dass ich dabei auch an Sie, Herr Fabian, gedacht habe».
Fabian erhob sich und nahm straffe Haltung an, wie ein Offizier, der den Befehl seines Kommandeurs in Empfang nimmt. Dann, als er sich daran erinnerte, dass sie nicht im Argonner Wald waren, machte er eine leichte Verbeugung. «Ich stehe Ihnen mit meiner ganzen Kraft zur Verfügun», sagte er fast feierlich. «Jedenfalls können Sie über mich verfügen. Ich habe nur die eine Bitte, mir bald mein Arbeitsfeld anzuweisen». Die diensteifrige Haltung Fabians hatte auf Taubenhaus einen günstigen Eindruck gemacht. Er lächelte befriedigt, und seine Miene wurde noch selbstbewusster. «Ich freue mich ungemein, dass wir uns so gut verstehe», antwortete er, und seine Stimme schnarrte kräftiger. «Ihre Tätigkeit kann ich Ihnen natürlich erst zuweisen, sobald ich Ihre Fähigkeiten genauer kenne. Den ersten Auftrag aber kann ich Ihnen schon jetzt erteilen».
Fabian antwortete wieder mit einer leichten Verbeugung.
Taubenhaus fuhr fort: «Ich habe die Absicht, mich der Stadt und der Bürgerschaft in einigen Wochen in einer öffentlichen größeren Kundgebung vorzustellen. Nun wissen Sie ja, dass gesellschaftliche Verpflichtungen aller Art und besonders meine umfangreiche amtliche Tätigkeit mir in den ersten Monaten kaum eine freie Stunde Zeit lassen. Ich bitte Sie daher, mir diese Antrittsrede nach den soeben dargelegten Gesichtspunkten zu entwerfen. Sie verstehen mich».
Fabian nickte. «Sehr woh», erwiderte er. «Ich empfinde diesen Auftrag als besondere Auszeichnung und werde mich bemühen, ihn zu Ihrer Zufriedenheit zu erfüllen».
Taubenhaus erhob sich ebenfalls und reichte Fabian die Hand. Sein steifer und etwas harter Gesichtsausdruck wurde von einer Art Freundlichkeit gelockert. «Sie sind ja in dieser Stadt aufgewachse», sagte er, «und wissen besser als ich, was man aus ihr machen kann. Ich hatte ja noch gar nicht die Zeit, mich viel mit ihr zu beschäftigen. Von meinem Freund, Justizrat Schwabach, auf dessen Urteil ich viel gebe[51], hörte ich, dass Sie vor einigen Jahren einmal im Rathaussaal eine Rede gehalten haben, die geradezu enormes Aufsehen erregte. Vielleicht gelingt Ihnen etwas Ähnliches! Ich bitte Sie, nicht zu vergessen, dass die Rede in die weiteste Öffentlichkeit dringen wird, die ganze deutsche Presse wird sie aufgreifen, höchstwahrscheinlich wird auch der Gauleiter anwesend sein. Es hängt also viel davon ab, vergessen Sie das nicht. In etwa vierzehn Tagen werden Sie wohl mit dem Entwurf ins reine kommen».
Fabian warf Taubenhaus einen raschen Blick zu. «Wenn es nötig ist, kann ich den Entwurf in zwei, drei Tagen unterbreite», sagte er.
Taubenhaus lachte. «So eilig habe ich es nich», sagte er. «Gut Ding will Weile haben[52]. Also sagen wir in zwei Wochen? Und vergessen Sie mir das furchtbare Pflaster der Stadt nicht».
Damit war Fabian entlassen. Er klappte mit den Absätzen und verbeugte sich. Ein freundliches Lächeln geleitete ihn zur Tür.
Dieser Taubenhaus ist ja ein ganz prächtiger Mann, dachte er, als er die Tür hinter sich schloss. Wie kurzsichtig urteilte doch dieser Baurat Krieg?
Es schien ihm, als ob ihn die Sekretärin in der gelben Seidenbluse mit besonderer Aufmerksamkeit grüße, als er das Vorzimmer durchschritt.
XVI
Auf der Treppe des Rathauses blieb Fabian eine Weile stehen und blickte über den Platz. Man konnte ihm deutlich ansehen, dass das Gespräch mit Taubenhaus ihn mit tiefer Befriedigung erfüllt hatte.
Er empfand den Auftrag von Taubenhaus als überaus ehrenvoll. Welches Vertrauen setzte dieser ihm unbekannte Taubenhaus in ihn? Natürlich würde er sich hüten, auch nur mit einer Seele darüber zu sprechen! Die Rede würde ihn in der ganzen Stadt, ja im ganzen Land bekannt machen. Vielleicht lenkte sie auch die Aufmerksamkeit des Gauleiters auf ihn? Seine Position war gerettet. Viele Leute, das wusste er genau, zweifelten nicht an seiner Begabung, andere aber, Mißgünstige und Neidische, erklärten ihn für einen «Blende».. Nun, diesen Leuten würde er den «Blende». zeigen! Eitelkeit und Stolz färbten seine hübschen Wangen.