Бернгард Келлерман – Тотеnтаnz / Пляска смерти. Книга для чтения на немецком языке (страница 15)
XIV
Es wäre natürlich unsinnig gewesen, eine derart zermürbte Ehe wieder zusammenflicken zu wollen. Fabian sah das längst ein. Jetzt handelte es sich darum, die nicht geringen Forderungen Clotildes auf ein vernünftiges Maß zurückzuführen. Auf keinen Fall aber, erklärte er Schwabach, werde er die Erziehung der beiden Jungen der Mutter überlassen. Als Vater und Christ sei ihm das völlig unmöglich!
Der Justizrat warf einige Notizen aufs Papier, dann legte er den Schriftsatz zur Seite und erhob sich, indem er sich reckte und den Pudelkopf schüttelte.
Nun trug Fabian die Angelegenheit von Sanitätsrat Fahle vor. Sofort hörte Schwabach mit dem Recken und Strecken auf und kehrte wieder auf seinen Stuhl zurück. «Ich stehe zur Verfügung[47], Herr Kollege».
Schwabach, an dessen Gutherzigkeit niemand zweifelte, hörte aufmerksam zu, aber allmählich wurden seine Züge leblos, selbst seine dicken Lippen bewegten sich nicht mehr. «Fahle? Fahle». murmelte er halblaut vor sich hin, als höre er den Namen zum erstenmal. «Ich war stets ein großer Bewunderer Fahles». Schwabach hatte die Stimme gedämpft, obwohl alle Türen seines Arbeitszimmers gepolstert waren. «Es handelt sich um eine neue Entdeckung, die von epochaler Bedeutung sein kann, Herr Justizra», schloss Fabian sein Ansuchen.
Schwabach tastete mit seiner fleischigen Hand nach Fabians Arm. «Man möchte natürlich einem so bedeutenden und prachtvollen Mann wie Fahle gern behilflich sein, von Herzen gern, verstehen Sie? Ich sehe aber keine Möglichkeit, nicht die geringst», sagte er endlich.
«Wenn ich oder noch besser Sie mit dem neuen Direktor des Krankenhauses sprächen». widersprach Fabian.
«Direktor Sandkuhl ist ein Fanatike», raunte Schwabach so leise und tief, als befürchte er, jemand lausche an der Tür. «Er lebt wahrscheinlich in der Furcht, dass Fahle als fanatischer Jude die unersetzlichen Instrumente zerstören könnte. Lächeln Sie nicht! Wie ein Katholik an das Dogma glaubt, ohne zu deuteln, so glaubt er an die Unfehlbarkeit der höchsten Stelle. Wir kennen die Gedankengänge der höchsten Stelle nicht. Vielleicht ist sie der Ansicht, dass die Juden für die deutsche Mentalität schädlich sind, vielleicht glaubt sie, dass der Einfluss des Judentums die deutsche Mentalität in hundert Jahren zerstören und vernichten wird? Wer soll es wissen? Sandkuhl wagt es nicht, eine eigene Meinung zu haben. Er kommt von der Armee und ist gewohnt, Befehle blind auszuführen».
Fabian erhob sich. «Sie erlauben mir, dass ich es trotzdem versuch»,versetzte er. «Vielleicht gelingt es mir, Sandkuhl zu überzeugen, dass die von der ganzen Stadt geschätzte Persönlichkeit Fahles und seine wissenschaftlichen Forschungen eine Ausnahme zulassen».
Schwabach stand ebenfalls auf, schüttelte den Kopf. «Sie werden nichts erreichen, lieber Freund, nichts und bei niemand». fuhr er mit gedämpfter Stimme fort. «Ich weiß, wie man an höchster Stelle denkt, glauben Sie es mir. Als Kollege aber, der Sie schätzt, gebe ich Ihnen den guten Rat, lassen Sie die Hände von diesen Dingen».
Fabian blickte Schwabach forschend an und zögerte zu antworten.
Darauf legte Schwabach seine fleischige Hand auf Fabians Schulter und setzte hinzu: «Es ist der Rat eines Freundes. Sie begeben sich auf ein heikles Gebiet, ja auf ein gefährliches Gebiet! Hören Sie auf mich».
Er geleitete Fabian bis ins Vorzimmer und sagte mit seiner gewöhnlichen lauten Stimme: «Und das mit der Stadt bringen Sie wohl am besten bald ins reine[48]? Taubenhaus ist ein großzügiger Mann, der das Herz auf dem rechten Fleck hat». Da Fabian nicht gleich antwortete, fügte er hinzu: «Wir müssen ja alle unser Scherflein auf dem Altar des Vaterlandes niederlegen[49], nicht wahr? Und ich weiß doch, dass Sie immer ein großer Patriot und Idealist gewesen sind». «Patriot werde ich wohl immer bleiben». erwiderte Fabian lächelnd. «Und auch Idealist bin ich noch immer, leider, hätte ich fast gesagt».
Schwabach lachte. «Gott sei Dank, wollen wir lieber sagen». rief er aus und reichte Fabian die Hand. «Wir haben in der Anwaltskammer oft von Ihnen gesprochen und im Hinblick auf Ihre Begabung so sehr bedauert, dass Sie zu keinem Entschluss kommen können. Allerdings, viel länger könnten wir nun nicht mehr warten, will ich Ihnen ganz im Vertrauen sagen… Leben Sie wohl, lieber Kollege».
Wenige Stunden später rief Fabian bei Sanitätsrat Fahle an. Er berichtete ihm, dass er bereits die ersten Schritte in der bewussten Angelegenheit unternommen habe. Er werde sich weiter nach Kräften bemühen und bäte nur um etwas Geduld, alles brauche Zeit. Es war ihm unmöglich, Fahle die bittere Wahrheit mitzuteilen, die ihn vernichtet hätte.
Schade, dachte er voll echten Mitleids, als er den Hörer ablegte. Es ist nichts zu machen, dreimal schade. Schwabachs Haltung hat mich mehr als überzeugt. Er ist immer vorzüglich orientiert. Gefährliches Gebiet? Hast du gehört, dass er gefährliches Gebiet sagte?
Er begab sich völlig zermürbt in den «Ster», um zu Abend zu essen. Da es noch früh war, befand sich noch kein Gast im Speisesaal. Trotz aller Erschöpfung verspeiste er mit gutem Appetit ein vorzügliches Sahnegulasch, und bei einer Zigarre und einer Flasche Bordeaux, die er langsam austrank, Glas um Glas, gab er sich seinen Gedanken über das Leben hin, das sich vor ihm ausbreitete.
Ein Abschnitt seines Lebens lag hinter ihm, er hatte schwere Fehler begangen, zugegeben, Clotildes Ansprüche würden auf keinen Fall gering sein, das war sicher. Die vier wertlosen Mietshäuser Clotildes werden mich eine schöne Stange Geld kosten – er lachte —, aber vergessen wir nicht, dass sie mir zwei prächtige Jungen geboren hat. Das wollen wir niemals, niemals außer acht lassen! Er hob das Glas und trank auf seine Jungen, Harry und Robby hießen sie. Was war, das war!
Gottlob hatte er Kraft und Mut genug behalten, um ein neues Leben zu beginnen. Wenn er ehrlich sein sollte, so hatte er nur aus Bequemlichkeit bis heute die Verhältnisse nicht geändert. Clotilde hielt das Haus in Ordnung und sorgte für eine feine Küche. Ihre Küche werde ich ja wohl vermissen, dachte er und lachte. Er hob das Glas. «Mut, Fabian». sagte er laut, er trank sich selbst zu.
XV
Der Schuhmacher Habicht, ehemals nichts als ein kleiner Flickschuster, hatte sein Geschäft früher in einem Keller am Hafenplatz, aber dort sagte man Fabian, dass er seit langem verzogen sei. Im Schottengraben fiel Fabian sofort ein langgestrecktes Gebäude auf, dessen Aufstockung soeben beendet wurde. Das Erdgeschoss des langen Gebäudes, das fast den ganzen Schottengraben einnahm, enthielt die Büroräume der Fabrik von Habicht.
Soeben fuhr ein Lastauto, beladen mit herb riechenden Lederballen, durch die Einfahrt zum Fabrikhof. Ein Diener in schlichter, grauer Livree, der nach Fabians Wünschen fragte, bedeutete ihm, dass der Herr Sturmführer, so nannte er ihn, im Kontor beschäftigt sei, zu dem einige neue granitene Stufen emporführten. Hier saß Habicht, eine Zigarre im Mund, und diktierte einer Sekretärin Geschäftsbriefe in die Maschine.
Fabian war aufs äußerste erstaunt. Ein tadellos gekleideter Herr mit weißem Kragen und einer kostbaren Krawatte erhob sich, und er hatte Habicht nur mit der Lederschürze und einem blauen Arbeitskittel in Erinnerung, in seinem düsteren Keller damals. Immerhin waren die großen Ohren, die wie Klappen von seinem kugelrunden Schädel abstanden und vom Licht rot durchleuchtet wurden, unverkennbar. Als Fabian eintrat, schickte er die Sekretärin ins Nebenzimmer.
Das Büro war mit großem Luxus eingerichtet. Teppiche, Holzvertäfelung an den Wänden, vier dunkelrote Klubsessel standen um einen großen, gediegenen Schreibtisch. Ein schwerer Siegelring und ein Brillant am kleinen Finger schmückten die roten Hände des früheren Flickschusters.
Da siehst du, wie es gemacht wird, dachte Fabian, er ist früher aufgestanden als du.
«Darf ich bitten». sagte Habicht und deutete auf einen der dunkelroten Klubsessel. «Seit Jahren warte ich schon auf Ihren Besuch, Herr Doktor».
Fabian hatte nur zehn Minuten mit Habicht zu sprechen, der ihn nach der Unterredung bis an die Einfahrt hinaus begleitete und ihm wie einem alten Bekannten die Hand schüttelte.
Wenige Tage später erhielt er vom Bürgermeister Taubenhaus die Aufforderung, ihn zu besuchen.
Wenn man früher zu Doktor Krüger ging, so wurde man von einem Fräulein Braun, einer stets liebenswürdigen und gewandten Dame empfangen, mit der es sich vorzüglich plaudern ließ. Mit Krüger war auch seine liebenswürdige Sekretärin verschwunden. Fabian war äußerst überrascht, ein junges, hübsches Mädchen in gelber Seidenbluse vor sich zu sehen. «Herr Oberbürgermeister erwartet Si», sagte die junge Dame in der gelben Seidenbluse und öffnete die Tür, die in das Amtszimmer des Stadtoberhauptes führte.
Der Bürgermeister empfing Fabian mit gemessener Freundlichkeit, die Besprechung aber dauerte länger als eine Stunde.
Über diesen Taubenhaus hatte Fabian nur einiges von Baurat Krieg gehört, der ihn als engstirnigen Pedanten beschrieb, der peinlich auf die Einhaltung der Dienststunden achtete. Bei Krüger konnte man getrost eine Stunde später kommen oder früher gehen, das gab es jetzt nicht mehr. Taubenhaus sollte an den Türen lauschen, um zu hören, ob die Damen schwatzten, anstatt mit der Maschine zu klappern, wie es sich gehörte. Seine Sparsamkeit sollte schon an Knickerei grenzen, jeder Bleistift, jedes Farbband und jeder Bogen Papier musste peinlich gebucht werden. Natürlich war das stark übertrieben, und Fabian war angenehm überrascht, einen nicht unsympathischen Herrn, der kaum die Vierzig überschritten hatte, anzutreffen.