Захар Прилепин – Sankya / Санькя. Книга для чтения на немецком языке (страница 12)
Schließlich stellte Sascha den Wasserkessel vorsichtig auf das Feuer und ging auf Zehenspitzen zur Tür.
Er stand da, lauschte. Es war still.
Nach einem kurzen Knacken ertönte noch einmal die Klingel, so laut, dass das Geschirr im Schrank klirrte.
Sascha machte einen entschlossenen Schritt nach vorne und schaute durch das Guckloch.
Auf der anderen Seite stand Negativ, ein junger, siebzehnjähriger Bursche aus der lokalen Abteilung des »Sojus Sosidajuschtschich«.
»Hallo«, sagte er, als er Sascha am Guckloch sah.
»Bist du allein?«, fragte Sascha mit gedämpfter Stimme.
»Allein.«
Sascha öffnete die Tür. Negativ trat ein und drückte ihm die Hand, wie immer dabei seitlich nach oben schauend, als würde er etwas suchen; diesmal war es wohl die Deckenlampe, an der sein angewiderter Blick hängenblieb.
»Du musst das Licht im Vorzimmer abdrehen«, sagte er mürrisch. »Sonst sieht man, wenn du durchs Guckloch schaust.«
Negativ war fünf Jahre jünger als Sascha, ein Unterschied, der aber kaum zu merken war, vermutlich deshalb, weil der im Internat aufgewachsene Negativ ein rationaler und harter Typ war, für sein Alter ziemlich kräftig, wenn auch nicht sehr groß.
Ein Schneidezahn war ausgebrochen, was Negativs ohnehin nicht gerade freundlichem Gesicht mit der niedrigen Stirn und den weit auseinander stehenden Augen noch mehr Härte verlieh.
Er wurde Negativ genannt, weil er ständig mit allem und jedem unzufrieden war. Er war kein Nörgler, eher ein Dickkopf, mit eigenen und eindeutigen Vorstellungen vom Leben. Seine schweigsame Unzufriedenheit war wenig jugendlich düster, oft wirkte sie wie Gleichgültigkeit, was sie aber nicht war.
Er lächelte nicht, und schon gar nicht lachte er. Fast nie. Äußerst selten.
»Woher weißt du, dass ich zu Hause bin?«, fragte Sascha.
»Ich wusste es nicht, bin einfach so gekommen«.
»Wie geht’s euch?«, fragte Sascha laut, der sofort in die Küche ging.
»Na, ihr habt da ja was geliefert in Moskau.« Negativ beantwortete die Frage nicht. »Ich hätte auch hinfahren sollen. Sehr schön. Hast du dich in der Glotze[82] gesehen?«
»Mich?« Sascha schaltete den nervig wackelnden Teekessel aus und drehte sich zu Negativ um, der die Schuhe ausgezogen hatte und in die Küche gekommen war.
»Du hast das nicht gesehen? Am Anfang hat man dich in der ersten Kolonne sehen können, und einer von euch hat einen Bullen mit einem Knüppel bearbeitet, dann rennen alle weg, Schaufenster klirren, ein Bulle liegt auf dem Boden, und du springst auf seine Kappe. Tolle Aufnahme. Warum nur auf die Kappe, denk ich mir? Wenn du ihm gleich auf den Kopf gesprungen wärst? Ha?«
Sascha erschrak. Es ist nicht sehr angenehm, wenn einige tausend, vielleicht sogar hunderttausend Menschen deine … Späße … gesehen haben.
»Und bin ich dort gut zu erkennen?«, fragte Sascha leise mit heiserer Stimme.
»Na ja, nicht sehr … Ich hab dich aber erkannt … Darf ich rauchen?«
Sascha schaute Negativ eine Zeitlang an.
»Rauch nur. Und gib mir auch eine …«
»Hör mal, deine Freunde sind gekommen«, fuhr Negativ fort und nahm einen tiefen Zug[83].
»Welche Freunde denn?« Sascha zündete sich auch eine Zigarette an und starrte Negativ wieder an.
»Der Moskauer Wenja und Rogow aus Sibirien.«
Wieder erschrak Sascha, diesmal etwas weniger.
»Was für ein Teufel hat die denn geritten?«
»Sie sagen, dass sich jetzt alle in Moskau verkriechen[84], sie durchsuchen unsere Löcher. Wenja ist sowieso obdachlos und weiß nicht, wo er leben soll, und Rogow sagte, dass er ein bisschen Angst hat, mit dem Zug nach Sibirien zu fahren; man muss den Pass zeigen, wenn man die Fahrkarte kauft; stattdessen mit der Elektrischka zu fahren … das verstehst du ja wohl: Man wird verrückt, bis man ankommt. Deshalb sind sie …« – Negativ nahm einen tiefen Zug, blies den Rauch aus und verfolgte ihn mit den Augen – »deshalb sind sie zu uns gekommen. Warum bist du so aufgeregt?«
»Die Bullen waren schon zwei Mal bei mir.«
»Du hast sie nicht reingelassen?«
»Nein, ich war nicht da. Sie sind zur Mutter gekommen.«
»Und zu mir«, sagte Negativ.
»Und – was war?«
»Ich hab ihnen nicht aufgemacht. Sie haben zwei Stunden lang geklopft und sind dann gegangen.«
»Und du hast in dieser Zeit mäuschenstill dagesessen.«
»Nein, wir haben uns durch die Tür herzlich unterhalten. Sie haben versprochen, dass sie mir den Arsch aufreißen und mich vermodern lassen.«
Sascha schaute Negativ an und wusste – wie schon so oft zuvor – dessen großen, glasklaren und ungeheuchelten Mut zu schätzen. Negativ fürchtete sich tatsächlich nicht davor, geschlagen zu werden, auch nicht brutal geschlagen zu werden; Drohungen waren ihm absolut egal. Er war schon mehrere Male mit Schlagstöcken verprügelt worden, weil er mit schwarzer Farbe Sprüche wie »Gouverneur, krepiere!« auf die Mauern der Gebietsverwaltung geschmiert oder eben diesem Gouverneur eine Torte ins Gesicht geschmissen hatte. Etwa vor einem halben Jahr hatten sie ihn gefesselt und zwei Tage lang versucht, aus ihm Aussagen über seine Kumpel heraus zu dreschen; eine Woche davor hatte die lokale Abteilung des »Sojus Sosidajuschtschich« das Büro der Scientologen mit Molotow-Cocktails angezündet.
Die Feuerwehr war rechtzeitig zur Brandstelle gekommen, aber es wurde zum großen Skandal. Nach zweitägiger Folter ließen sie Negativ laufen. Beim Essen, Anziehen und Schnürsenkelbinden musste ihm sein jüngerer Bruder Posik eineinhalb Monate lang helfen. Seinen Namen hatte er, weil er das vollkommene Gegenteil von Negativ war, ein gerissener elfjähriger Junge mit ständigem Grinsen auf dem frechen Maul, der jüngste der lokalen »Sojusniki«* …
Ja, sie nannten sich »Sojusniki«. Dieses anfangs sinnlose Wort bekam mit der Zeit Gewicht, Klang und Bedeutung.
Übrigens wurden sie von den Journalisten mit flinker Feder[85] oft als »SSler« bezeichnet – nach den beiden Anfangsbuchstaben der Partei, und bisweilen titulierte man die Mitglieder des »Sojus«, wenn man sie erniedrigen oder auf ihr jugendliches Alter hinweisen wollte, als »Milch- und Schwanzlutscher«[86].
Negativ verriet keinen der »Sojusniki«, auch sich selbst nicht. Immerhin hatte ja er den Molotow-Cocktail geworfen. Und natürlich nicht allein.
»Die Tür wollten sie aber nicht auf brechen?«, fragte Sascha und schaute auf Negativs Zahnlücke, die er bei einem blöden Streit davongetragen hatte.
»Nein, das wollten sie nicht.«
»Und warum hast du nicht aufgemacht?«
Negativ blickte Sascha entnervt an.
»Haben sie dir ihn Moskau auf den Schädel geschlagen? Ich sagte doch schon, Wenja und Rogow sind bei mir. Zuerst lagen sie unter dem Diwan. Dann haben wir Wenja in einen Teppich gewickelt und in eine Ecke gestellt, und Rogow ist in einen Schrank gekrochen … wir haben uns ganze zwei Stunden lang amüsiert.«
Sascha trank den Tee rasch aus. Eigentlich hatte er essen wollen. Jetzt nicht mehr.
»Wo sind sie?«, fragte er.
»Sie sitzen im Café gegenüber. Trinken zu zweit eine Tasse Kaffee. Gehen wir?«
Sascha holte Geld aus dem Versteck, ein Stück Käse, Zwiebeln vom Dorf, Brot und eine Konservendose, wollte zurück, um der Mutter einige Worte zu schreiben, und ließ es dann doch bleiben. Noch mal schreiben, dass »alles in Ordnung« sei. Mehr als »in Ordnung« gibt es nicht.
»Aha, da sind sie!« Sascha merkte plötzlich, dass er sich sehr freute, Wenja, der mit seiner nicht abgeheilten Nase noch immer schniefte, und den langen Ljoschka zu sehen. Er umarmte sie beide.
Man muss jetzt etwas unternehmen, die Jungs irgendwo unterbringen.
Sascha traute sich nicht, Bekannte von zu Hause aus anzurufen – das Telefon wurde abgehört, so hatte er schon einmal eine Aktion der Partei vergeigt.
Und er hatte auch keine Bekannten, bei denen sie zu dritt hätten übernachten können.
»Und nicht einmal ich allein«, dachte Sascha plötzlich verwundert, ohne dass es ihn traurig machte.
Es hatte sich in den letzten Jahren so ergeben, dass sich Saschas Gesprächspartner auf die Parteigenossen beschränkten. Nicht, dass er für andere Freundschaften keine Zeit hatte, obwohl, nein, er hatte keine Zeit, aber das Wichtigste war, dass er sie schon nicht mehr brauchte, warum auch, es war nicht interessant.
Es würde sich auch nicht lohnen, in die Wohnungen lokaler »Sojusniki« zu gehen – und zwar aus ganz offensichtlichen Gründen: Jederzeit könnten welche in Zivil hereinplatzen.
Auf der Straße begann es zu nieseln – dennoch verließen sie das verrauchte Café mit der lästigen Musik und den unverschämten Preisen und marschierten fröhlich hinaus – schwelgten in Erinnerungen und übertrumpften einander damit, was in Moskau nicht alles geschehen war …
Negativ hörte interessiert zu, manchmal blickte er dem, der gerade sprach, aufmerksam ins Gesicht.
Sie blieben an einem Kiosk stehen, Sascha kaufte eine Flasche Wodka und drei Plastikbecher – Negativ trank nicht, weil ihn der Alkohol immer zum Tier werden ließ.
Rogow erhob keinen Protest gegen den Kauf, Wenja zeigte sich erfreut.
Sie gingen auf einen Kinderspielplatz, auf dem Sascha in seiner frühen Jugend viele Stunden verbracht und unterschiedlich starken Alkohol ausprobiert hatte, um seine mehr oder auch weniger gefügigen Altersgenossinnen genauer zu untersuchen.