Томас Манн – Der Zauberberg / Волшебная гора (страница 13)
Er hatte ein wenig Furcht vor schreckhaften Eindrücken gehabt, aber er fand sich enttäuscht: es ging ganz aufgeräumt zu hier im Saale, man hatte nicht das Gefühl, sich an einer Stätte des Jammers zu befinden. Gebräunte junge Leute beiderlei Geschlechts kamen trällernd herein, sprachen mit den Saaltöchtern und hieben mit robustem Appetit in das Frühstück ein. Auch reifere Personen waren da, Ehepaare, eine ganze Familie mit Kindern, die Russisch sprach, auch halbwüchsige Jungen. Die Frauen trugen fast sämtlich eng anliegende Jacken aus Wolle oder Seide, sogenannte Sweater, weiß oder farbig, mit Fallkragen und Seitentaschen, und es sah hübsch aus, wenn sie, beide Hände in diese Seitentaschen vergraben, standen und plauderten. An mehreren Tischen wurden Photographien herumgezeigt, neue, selbst angefertigte Aufnahmen ohne Zweifel; an einem anderen tauschte man Briefmarken. Es wurde vom Wetter gesprochen, davon, wie man geschlafen und wieviel man morgens im Munde gemessen. Die meisten waren lustig, – ohne besonderen Grund wahrscheinlich, sondern nur, weil sie keine unmittelbaren Sorgen hatten und zahlreich beisammen waren. Einzelne freilich saßen, den Kopf in die Hände gestützt, am Tische und starrten vor sich hin. Man ließ sie starren und achtete nicht auf sie.
Plötzlich zuckte Hans Castorp geärgert und beleidigt zusammen. Eine Tür war zugefallen, es war die Tür links vorn, die gleich in die Halle führte, – jemand hatte sie zufallen lassen oder gar hinter sich ins Schloß geworfen, und das war ein Geräusch, das Hans Castorp auf den Tod nicht leiden konnte, das er von jeher gehaßt hatte. Vielleicht beruhte dieser Haß auf Erziehung, vielleicht auf angeborener Idiosynkrasie, – genug, er verabscheute das Türenwerfen und hätte jeden schlagen können, der es sich vor seinen Ohren zuschulden kommen ließ. In diesem Fall war die Tür obendrein mit kleinen Glasscheiben gefüllt, und das verstärkte den Chok: es war ein Schmettern und Klirren. Pfui, dachte Hans Castorp wütend, was ist denn das für eine verdammte Schlamperei! Da übrigens in demselben Augenblick die Nähterin das Wort an ihn richtete, so hatte er keine Zeit, festzustellen, wer der Missetäter gewesen sei. Doch standen Falten zwischen seinen blonden Brauen, und sein Gesicht war peinlich verzerrt, während er der Nähterin antwortete.
Joachim fragte, ob die Ärzte schon durchgekommen seien. Ja, zum erstenmal seien sie dagewesen, antwortete jemand, – sie hätten den Saal verlassen fast in dem Augenblick, als die Vettern gekommen seien. Dann wollten sie gehen und nicht warten, meinte Joachim. Eine Gelegenheit zur Vorstellung werde sich im Laufe des Tages ja finden. Aber an der Tür wären sie fast mit Hofrat Behrens zusammengestoßen, der, gefolgt von Dr. Krokowski, im Geschwindschritt hereinkam.
»Hoppla, Achtung die Herren!« sagte Behrens. »Das hätte leicht schlecht ablaufen können für die beiderseitigen Hühneraugen.« Er sprach stark niedersächsisch, breit und kauend. »So das sind
»Vettern?« fragte der Hofrat, indem er mit der Hand zwischen den jungen Leuten hin und her deutete und mit seinen blutunterlaufenen blauen Augen von unten blickte… »Na, will er denn auch zum Kalbsfell schwören?« sagte er zu Joachim und wies mit dem Kopf auf Hans Castorp… »I, Gott bewahre, – was? Ich habe doch gleich gesehen« – und er sprach nun direkt zu Hans Castorp —, »daß Sie so was Ziviles haben, so was Komfortables, – nichts so Waffenrasselndes wie dieser Rottenführer da. Sie wären ein besserer Patient als der, da möcht ich doch wetten. Das sehe ich jedem gleich an, ob er einen brauchbaren Patienten abgeben kann, denn dazu gehört Talent, Talent gehört zu allem, und dieser Myrmidon hier hat auch kein bißchen Talent. Zum Exerzieren, das weiß ich nicht, aber zum Kranksein gar nicht. Wollen Sie glauben, daß er immer weg will? Immerzu will er weg, tirrt mich und plagt mich und kann es nicht erwarten, sich da unten schinden zu lassen. So ein Biereifer! Kein halbes Jährchen will er uns schenken. Und dabei ist es doch ganz schön hier bei uns, – nun sagen Sie mal selbst, Ziemßen, ob es nicht ganz schön hier ist! Na, Ihr Herr Vetter wird uns schon besser zu würdigen wissen, wird sich schon amüsieren. Damenmangel ist auch nicht, – allerliebste Damen haben wir hier. Wenigstens von außen sind manche ganz malerisch. Aber
Neckerei. Viatikum. Unterbrochene Heiterkeit
»Sehr netter Mann«, sagte Hans Castorp, als sie nach freundschaftlicher Begrüßung mit dem hinkenden Concierge, der in seiner Loge Briefe ordnete, durch das Portal hinaus ins Freie traten. Das Portal war an der Südostflanke des weißgetünchten Gebäudes gelegen, dessen mittlerer Teil die beiden Flügel um ein Stockwerk überragte und von einem kurzen, mit schieferfarbenem Eisenblech gedeckten Uhrturm gekrönt war. Man berührte den eingezäunten Garten nicht, wenn man das Haus hier verließ, sondern war gleich im Freien, angesichts schräger Bergwiesen, die von vereinzelten, mäßig hohen Fichten und auf den Boden geduckten Krummholzkiefern bestanden waren. Der Weg, den sie einschlugen – eigentlich war es der einzige, der in Betracht kam, außer der zu Tale abfallenden Fahrstraße —, leitete sie leicht ansteigend nach links an der Rückseite des Sanatoriums vorbei, der Küchen- und Wirtschaftsseite, wo eiserne Abfalltonnen an den Gittern der Kellertreppen standen, lief noch ein gutes Stück in derselben Richtung fort, beschrieb dann ein scharfes Knie und führte steiler nach rechts hin den dünn bewaldeten Hang hinan. Es war ein harter, rötlich gefärbter, noch etwas feuchter Weg, an dessen Saume zuweilen Steinblöcke lagen. Die Vettern sahen sich keineswegs allein auf der Promenade. Gäste, die gleich nach ihnen ihr Frühstück beendet, folgten ihnen auf dem Fuße, und ganze Gruppen, auf dem Rückweg, kamen ihnen mit den stapfenden Tritten absteigender Leute entgegen.
»Sehr netter Mann!« wiederholte Hans Castorp. »So eine flotte Redeweise hat er, es machte mir Spaß, ihm zuzuhören. ‚Quecksilberzigarre‘ für ‚Thermometer‘ ist doch ausgezeichnet, ich habe es gleich verstanden… Aber ich zünde mir nun eine richtige an«, sagte er stehenbleibend, »ich halte es nicht mehr aus! Seit gestern mittag habe ich nichts Ordentliches mehr geraucht… Entschuldige mal!« Und er entnahm seinem automobilledernen und mit silbernem Monogramm geschmückten Etui ein Exemplar von Maria Mancini, ein schönes Exemplar der obersten Lage, an einer Seite abgeplattet, wie er es besonders liebte, kupierte die Spitze mit einem kleinen, eckig schneidenden Instrument, das er an der Uhrkette trug, ließ seinen Taschenzündapparat aufflammen und setzte die ziemlich lange, vorn stumpfe Zigarre mit einigen hingebungsvoll paffenden Zügen in Brand. »So!« sagte er. »Nun können wir meinethalben den Lustwandel fortsetzen. Du rauchst natürlich nicht vor lauter Biereifer.«