Томас Манн – Der Tod in Venedig / Смерть в Венеции. Книга для чтения на немецком языке (страница 4)
Nach Tische, als man ins Konversationszimmer hinübegegangen war und Doktor Leander den neuen Gästen im besonderen eine gesegnete Mahlzeit wünschte[27], erkundigte sich Herrn Klöterjahns Gattin nach ihrem Gegenüber.
„Wie heißt der Herr?“ fragte sie… „Spinelli? Ich habe den Namen nicht verstanden.“
„Spinell. nicht Spinelli, gnädige Frau. Nein, er ist kein Italiener, sondern bloß aus Lemberg gebürtig, soviel ich weiß.“
„Was sagten Sie? Er ist Schriftsteller? Oder was?“ fragte Herr Klöterjahn; er hielt die Hände in den Taschen seiner bequemen englischen Hose, neigte sein Ohr dem Doktor zu und öffnete, wie manche Leute pflegen, den Mund beim Horchen.
„Ja, ich weiß nicht, er schreibt…“, antwortete Doktor Leander. „Er hat, glaube ich, ein Buch veröffentlicht, eine Art Roman, ich weiß wirklich nicht.“
Dieses wiederholte „Ich weiß nicht“ deutete an, dass Doktor Leander keine großen Stücke auf den Schriftsteller hielt[28] und jede Verantwortung für ihn ablehnte.
„Aber das ist ja sehr interessant!“ sagte Herrn Klöterjahns Gattin. Sie hatte noch nie einen Schriftsteller von Angesicht zu Angesicht gesehen.
„O ja“, erwiderte Doktor Leander entgegenkommend. „Er soll sich eines gewissen Rufes erfreuen.“ Dann wurde nicht mehr von dem Schriftsteller gesprochen.
Aber ein wenig später, als die neuen Gäste sich zurückgezogen hatten und Doktor Leander ebenfalls das Konversationszimmer verlassen wollte, hielt Herr Spinell ihn zurück und erkundigte sich auch seinerseits.
„Wie ist der Name des Paares?“ fragte er. „Ich habe natürlich nichts verstanden.“
„Klöterjahn“, antwortete Doktor Leander und ging schon wieder.
„Wie heißt der Mann?“ fragte Herr Spinell.
„Klöterjahn heißen sie!“ sagte Doktor Leander und ging seiner Wege. – Er hielt gar keine großen Stücke auf den Schriftsteller.
Waren wir schon soweit, dass Herr Klöterjahn in die Heimat zurückgekehrt war? Ja, er weilte wieder am Ostseestrande, bei seinen Geschäften und seinem Kinde, diesem rücksichtslosen und lebensvollen kleinen Geschöpf, das seiner Mutter sehr viele Leiden und einen kleinen Defekt an der Luftröhre gekostet hatte. Sie selbst aber, die junge Frau, blieb in „Einfried“ zurück, und die Magistratsrätin Spatz schloss sich ihr als ältere Freundin an. Das aber hinderte nicht, dass Herrn Klöterjahns Gattin auch mit den übrigen Kurgästen gute Kameradschaft pflegte, zum Beispiel mit Herrn Spinell, der ihr zum Erstaunen aller (denn er hatte bislang mit keiner Seele Gemeinschaft gehalten) von Anbeginn eine außerordentliche Ergebenheit und Dienstfertigkeit entgegenbrachte und mit dem sie in den Freistunden, die eine strenge Tagesordnung ihr ließ, nicht ungern plauderte.
Er näherte sich ihr mit einer ungeheuren Behutsamkeit und Ehrerbietung und sprach zu ihr nicht anders als mit sorgfältig gedämpfter Stimme, so dass die Rätin Spatz, die an den Ohren krankte, meistens überhaupt nichts von dem verstand, was er sagte. Er trat auf den Spitzen seiner großen Füße zu dem Sessel, in dem Herrn Klöterjahns Gattin zart und lächelnd lehnte, blieb in einer Entfernung von zwei Schritten stehen, hielt das eine Bein zurückgestellt und den Oberkörper vorgebeugt und sprach in seiner etwa behinderten und schlürfenden Art leise, eindringlich und jeden Augenblick bereit, eilends zurückzutreten und zu verschwinden, sobald ein Zeichen von Ermüdung und Überdruss sich auf ihrem Gesicht bemerkbar machen würde. Aber er verdross sie nicht; sie forderte ihn auf, sich zu ihr und der Rätin zu setzen, richtete irgendeine Frage an ihn und hörte ihm dann lächelnd und neugierig zu, denn manchmal ließ er sich so amüsant und seltsam vernehmen, wie es ihr noch niemals begegnet war.
„Warum sind Sie eigentlich in,Einfried’?“ fragte sie. „Welche Kur brauchen Sie, Herr Spinell?“
„Kur?… Ich werde ein bisschen elektrisiert. Nein, das ist nicht der Rede wert. Ich werde Ihnen sagen, gnädige Frau, warum ich hier bin. – Des Stiles wegen.“
„Ah!“ sagte Herrn Klöterjahns Gattin, stützte das Kinn in die Hand und wandte sich ihm mit einem übertriebenen Eifer zu, wie man ihn Kindern vorspielt, wenn sie etwas erzählen wollen.
„Ja, gnädige Frau,Einfried’ ist ganz empire[29], es ist ehedem ein Schloss, eine Sommerresidenz gewesen, wie man mir sagt. Dieser Seitenflügel ist ja ein Anbau aus späterer Zeit, aber das Hauptgebäude ist alt und echt. Es gibt nun Zeiten, in denen ich das empire einfach nicht entbehren kann, in denen es mir, um einen bescheidenen Grad des Wohlbefindens zu erreichen, unbedingt nötig ist. Es ist klar, dass man sich anders befindet zwischen Möbeln weich und bequem bis zur Laszivität, und anders zwischen diesen geradlinigen Tischen, Sesseln und Draperien… Diese Helligkeit und Härte, diese kalte herbe Einfachheit und reservierte Strenge verleiht mir Haltung und Würde, gnädige Frau, sie hat auf die Dauer eine innere Reinigung und Restaurierung zur Folge, sie hebt mich sittlich, ohne Frage.“
„Ja, das ist merkwürdig“, sagte sie. „Übrigens verstehe ich es, wenn ich mir Mühe gebe.“
Hierauf erwiderte er, dass es irgendwelcher Mühe nicht lohne, und dann lachten sie miteinander. Auch die Rätin Spatz lachte und fand es merkwürdig; aber sie sagte nicht, dass sie es verstünde.
Das Konversationszimmer war geräumig und schön. Die hohe, weiße Flügeltür zu dem anstoßenden Billardraume stand weit geöffnet, wo die Herren mit den unbeherrschten Beinen und andere sich vergnügten. Andererseits gewährte eine Glastür den Anblick auf die breite Terrasse und den Garten. Seitwärts davon stand ein Piano[30]. Ein grün ausgeschlagener Spieltisch war vorhanden, an dem der diabetische General mit ein paar anderen Herren Whist[31] spielte. Damen lasen und waren mit Handarbeiten beschäftigt. Ein eiserner Ofen besorgte die Heizung, aber vor dem stilvollen Kamin, in dem nachgeahmte, mit glühroten Papierstreifen beklebte Kohlen lagen, waren behagliche Plauderplätze.
„Sie sind ein Frühaufsteher, Herr Spinell“, sagte Herrn Klöterjahns Gattin. „Zufällig habe ich Sie nun schon zwei-oder dreimal um halb acht Uhr am Morgen das Haus verlassen sehen.“
„Ein Frühaufsteher? Ach, sehr mit Unterschied, gnädige Frau. Die Sache ist die, dass ich früh aufstehe, weil ich eigentlich ein Langschläfer bin.“
„Das müssen Sie nun erklären, Herr Spinell!“ – Auch die Rätin Spatz wollte es erklärt haben.
„Nun… ist man ein Frühaufsteher, so hat man es, dünkt mich[32], nicht nötig, gar so früh aufzustehen. Das Gewissen, gnädige Frau. es ist eine schlimme Sache mit dem Gewissen! Ich und meinesgleichen, wir schlagen uns Zeit unseres Lebens[33] damit herum und haben alle Hände voll zu tun, es hier und da zu betrügen und ihm kleine, schlaue Genugtuungen zuteil werden zu lassen. Wir sind unnütze Geschöpfe, ich und meinesgleichen, und abgesehen von wenigen guten Stunden schleppen wir uns an dem Bewusstsein unserer Unnützlichkeit wund und krank. Wir hassen das Nützliche, wir wissen, dass es gemein und unschön ist, und wir verteidigen diese Wahrheit, wie man nur Wahrheiten verteidigt, die man unbedingt nötig hat. Und dennoch sind wir so ganz vom bösen Gewissen zernagt, dass kein heller Fleck mehr an uns ist. Hinzu kommt, dass die ganze Art unserer inneren Existenz, unsere Weltanschauung, unsere Arbeitsweise… von schrecklich ungesunder, unterminierender, aufreibender Wirkung ist, und auch dies verschlimmert die Sache. Da gibt es nun kleine Linderungsmittel, ohne die man es einfach nicht aushielte. Eine gewisse Artigkeit und hygienische Strenge der Lebensführung zum Beispiel ist manchen von uns Bedürfnis. Früh aufstehen, grausam früh, ein kaltes Bad und ein Spaziergang hinaus in den Schnee. Das macht, dass wir vielleicht eine Stunde lang ein wenig zufrieden mit uns sind. Gäbe ich mich, wie ich bin, so würde ich bis in den Nachmittag hinein im Bette liegen, glauben Sie mir. Wenn ich früh aufstehe, so ist das eigentlich Heuchelei.“
„Nein, weshalb, Herr Spinell! Ich nenne das Selbstüberwindung. Nicht wahr, Frau Rätin?“ – Auch die Rätin Spatz nannte es Selbstüberwindung.
„Heuchelei oder Selbstüberwindung, gnädige Frau! Welches Wort man nun vorzieht. Ich bin so gramvoll ehrlich veranlagt, dass ich.“
„Das ist es. Sicher grämen Sie sich zuviel.“
„Ja, gnädige Frau, ich gräme mich viel.“
Das gute Wetter hielt an. Weiß, hart und sauber, in Windstille und lichtem Frost, in blendender Helle und bläulichem Schatten lag die Gegend, lagen Berge, Haus und Garten, und ein zartblauer Himmel, in dem Myriaden von flimmernden Leuchtkörperchen, von glitzernden Kristallen zu tanzen schienen, wölbte sich makellos über dem Ganzen. Der Gattin Herrn Klöterjahns ging es leidlich in dieser Zeit; sie war fieberfrei, hustete fast gar nicht und aß ohne allzuviel Widerwillen. Oftmals saß sie, wie das ihre Vorschrift war, stundenlang im sonnigen Frost auf der Terrasse. Sie saß im Schnee, ganz in Decken und Pelzwerk verpackt, und atmete hoffnungsvoll die reine, eisige Luft, um ihrer Luftröhre zu dienen. Dann bemerkte sie zuweilen Herrn Spinell, wie er, ebenfalls warm gekleidet und in Pelzschuhen, die seinen Füßen einen phantastischen Umfang verliehen, sich im Garten erging. Er ging mit tastenden Schritten und einer gewissen behutsamen und steifgraziösen Armhaltung durch den Schnee, grüßte sie ehrerbietig, wenn er zur Terrasse kam, und stieg die unteren Stufen hinan, um ein kleines Gespräch zu beginnen.