Эрих Кестнер – Emil und die detektive / Эмиль и сыщики. Книга для чтения на немецком языке (страница 2)
Und wenn jemand in der Rathausstraße 12 wohnte, und er saß in der Pferdebahn und wollte aussteigen, so klopfte er ganz einfach an die Fensterscheibe. Dann machte der Herr Schaffner „Brr!“, und der Fahrgast war zu Hause. Die richtige Haltestelle war vielleicht erst vor der Hausnummer 30 oder 46. Aber das war der Neustädter Straßenbahn ganz egal. Sie hatte Zeit. Das Pferd hatte Zeit. Der Schaffner hatte Zeit. Die Neustädter hatten Zeit. Und wenn es wirklich einmal jemand besonders eilig hatte, ging er zu Fuß …
Auf dem Bahnhofsplatz stiegen Frau Tischbein und Sohn aus.
Dann kaufte die Mutter am Schalter die Fahrkarte und eine Bahnsteigkarte. Und dann gingen sie auf den Bahnsteig I – bitte sehr, Neustadt hat vier Bahnsteige – und warte-ten auf den Zug nach Berlin. Es fehlten nur noch ein paar Minuten.
„Lass nichts liegen, mein Junge! Und setz dich nicht auf die Blumen! Du kommst um 18.17 Uhr in Berlin an. Am Bahnhof Friedrichstraße. Steige ja nicht vorher aus, etwa am Bahnhof Zoo!“
„Nur keine Bange, junge Frau.“
„Und sei zu den anderen Leuten nicht so frech wie zu deiner Mutter. Und wirf das Papier nicht auf den Fußboden, wenn du deine Wurstbrote isst. Und – verliere das Geld nicht!“
Emil fasste sich
Er fasste die Mutter am Arm und spazierte mit ihr auf dem Bahnsteig hin und her.
„Und arbeite nicht zu viel, Muttchen! Und werde ja nicht krank. Und schreib mir auch einmal. Und ich bleibe höchstens eine Woche, dass du’s weißt.“ Er drückte die Mutter fest an sich. Und sie gab ihm einen Kuss auf die Nase.
Dann kam der Personenzug nach Berlin. Emil fiel der Mutter noch ein bisschen um den Hals6. Dann kletterte er mit seinem Koffer in ein Abteil. Die Mutter reichte ihm die Blumen und die Wurstbrote nach und fragte, ob er Platz hätte. Er nickte.
„Also, Friedrichstraße aussteigen!“
Er nickte.
„Und die Großmutter wartet am Blumenkiosk.“
Er nickte.
„Und benimm dich, du Schurke!“
Er nickte.
„Und sei nett zu Pony Hütchen7. Ihr werdet euch gar nicht mehr kennen.“
Er nickte.
„Und schreib mir.“
„Du mir auch.“
So wäre es wahrscheinlich noch stundenlang fortgegangen, wenn es nicht den Eisenbahnfahrplan gegeben hätte8. Der Zugführer rief: „Alles einsteigen! Alles einsteigen!9“ Die Wagentüren klappten zu. Die Lokomotive ruckte an. Und fort ging’s.
Die Mutter winkte noch lange mit dem Taschentuch. Dann drehte sie sich langsam um und ging nach Hause. Und weil sie das Taschentuch sowieso schon in der Hand hielt, weinte sie noch ein bisschen.
Aber nicht lange. Denn zu Hause wartete schon Frau Fleischermeister Augustin und wollte gründlich den Kopf gewaschen haben.
1. Wie heißt der Hauptheld mit dem Vornamen und Familiennamen?
2. Aus wieviel Personen besteht die Familie?
3. Ist die Familie reich?
4. Wer verdient Geld?
5. Was ist Emils Mutter?
6. Wie stehen die Mutter und der Sohn zueinander?
7. Warum war Emil ein Musterknabe?
8. Wie heißt die Stadt, in der Emil lebte?
9. Wohin und wozu musste Emil fahren?
10. War er schon in der Hauptstadt Deutschlands?
11. Wer lebte dort?
12. Welche Aufgabe hat Emil erhalten?
13. Was hat Emil in den Briefumschlag gelegt?
14. Wieviel Geldscheine waren drin?
15. Was hatte Emil an und wie fühlte er sich dabei?
16. Für wie lange sollte er fahren?
17. Welche Ratschläge hat die Mutter ihm gegeben?
18. Womit hat Emil seiner Mutter Freude gemacht?
19. Wie hat Emil der Mutter geholfen?
20. Beschreiben sie die Stadt, in der Emil lebte!
21. Hat man auf ihn in Berlin gewartet?
Emil nahm seine Schülermütze ab und sagte: „Guten Tag, meine Herrschaften!10 Ist vielleicht noch ein Plätzchen frei?“
Natürlich war noch ein Platz frei. Und eine dicke Dame, die sich den linken Schuh ausgezogen hatte, weil er drückte, sagte zu ihrem Nachbarn, einem Mann: „Solche höflichen Kinder sind heutzutage selten. Wenn ich da an meine Jugend zurückdenke. Gott! Da herrschte ein anderer Ton.11“
Dass es Leute gibt, die immer sagen: Gott, früher war alles besser, das wusste Emil längst. Und er hörte überhaupt nicht mehr hin, wenn jemand erklärte, früher sei die Luft gesünder gewesen, oder die Kühe hätten größere Köpfe gehabt, denn das war meistens nicht wahr, und die Leute gehörten bloß zu der Sorte, die nicht zufrieden sein wollen, weil sie sonst zufrieden wären.
Er befühlte seine rechte Jackentasche und war erst beruhigt, als er das Kuvert
Plötzlich legte er die Zeitung weg, holte aus seiner Tasche ein Stück Schokolade und sagte: „Na, junger Mann, wie wär’s?“
„Gerne“, antwortete Emil und nahm die Schokolade. Dann nahm er schnell seine Mütze ab und sagte: „Emil Tischbein ist mein Name.“ Die Mitreisenden
Dann fragte die dicke Dame, die den linken Schuh ausgezogen hatte: „Lebt denn in Neustadt der Herr Kurzhals noch?“
„Ja, freilich lebt Herr Kurzhals noch“, sagte Emil, „kennen Sie ihn?“
„Ja, grüß ihn schön von Frau Jakob aus Großgrünau.“
„Ich fahre doch aber nach Berlin.“
„Das hat ja auch Zeit, bis du zurückkommst“, sagte Frau Jakob.
„So, so, nach Berlin fährst du?“, fragte Herr Grundeis.
„Jawohl, und meine Großmutter wartet am Bahnhof Friedrichstraße am Blumenkiosk“, antwortete Emil und fasste sich wieder ans Jackett. Und das Kuvert knisterte, Gott sei Dank, noch immer.
„Kennst du Berlin schon?“
„Nein.“
„Na, da wirst du aber staunen! In Berlin gibt es jetzt Häuser, die sind hundert Stockwerke hoch, und die Dächer hat man am Himmel festbinden müssen, damit sie nicht wegfliegen … Und wenn es jemand besonders eilig hat und er will in ein anderes Stadtviertel, so packt man ihn auf dem Postamt in eine Kiste und schießt sie wie einen Rohrpostbrief zu dem Postamt, das in dem Viertel liegt, wo er hin möchte… Und wenn man kein Geld hat, geht man auf die Bank und lässt sein Gehirn als Pfand dort13 und kriegt dafür tausend Mark. Der Mensch kann nämlich nur zwei Tage ohne Gehirn leben; und er kriegt es von der Bank erst wieder, wenn er zwölfhundert Mark zurückzahlt…“
„Sie haben wohl Ihr Gehirn auch gerade auf der Bank“, sagte der Mann neben der Frau Jakob zu dem Herrn im steifen Hut und fügte hinzu: „Lassen Sie doch den Unsinn!“14
Emil lachte gezwungen. Und die beiden Herren redeten eine Zeit lang recht unhöflich miteinander. Emil dachte: Was geht das mich an! und packte seine Wurstbrote aus, obwohl er eben erst Mittag gegessen hatte. Wenig später hielt der Zug auf einem großen Bahnhof. Emil sah kein Stationsschild, und er verstand auch nicht, was der vor dem Fenster rief. Fast alle Fahrgäste stiegen aus, nur der Mann im steifen Hut blieb.
„Also grüße Herrn Kurzhals schön“, sagte Frau Jakob noch. Emil nickte.
Und dann waren er und der Herr mit dem steifen Hut allein. Das gefiel Emil nicht sehr. Ein Mann, der Schokolade verteilt und verrückte Geschichten erzählt, ist nichts
Herr Grundeis hatte es sich in einer Ecke gemütlich gemacht und schlief. Emil war froh, dass er sich nicht zu unterhalten brauchte, und blickte durchs Fenster. Bäume, Windmühlen, Felder, Fabriken, Kühe, winkende Bauern zogen draußen vorbei. Und es war sehr hübsch anzusehen, wie sich alles vorüberdrehte, fast wie auf einer Grammofonplatte. Aber schließlich kann man nicht stundenlang durchs Fenster starren.